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Fast alle Staaten weltweit sind bis heute erheblich von der Pandemie betroffen, wenn auch die gesundheitlichen ebenso wie die wirtschaftlichen Auswirkungen variieren. In einer globalen Gesundheitskrise wie der Corona-Pandemie geht es zuvorderst darum, vermeidbare Todesfälle zu verhindern. Gleichzeitig gilt es, die Nebenwirkungen für die Volkswirtschaften möglichst gering zu halten. Dazu haben die Staaten unterschiedliche Kombinationen aus Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und einer erheblichen Ausweitung staatlicher Hilfen (Subventionen, Kredite, etc.) gewählt. Auch der Verlauf der Corona-Krise war in den einzelnen Staaten unterschiedlich. Für den Zeitraum von Beginn der Pandemie im Februar 2020 bis zum aktuellen Rand lohnt sich eine vergleichende Betrachtung der Auswirkungen.

Ein internationaler Vergleich hilft zu beurteilen, in welchen Bereichen Deutschland von Ansätzen im Ausland lernen kann. Bei einem Ereignis wie der Corona-Pandemie, in der schnell Entscheidungen getroffen werden mussten und vorhergehende Erfahrungen fehlten, kann ein solcher Vergleich aufschlussreich sein. Die G7-Staaten bieten hinsichtlich ihres Pro-Kopf-Einkommens, ihrer Integration in die Weltmärkte, ihrer sozialen Sicherungssysteme und ihrer demokratischen Strukturen einen geeigneten Vergleichsmaßstab.

Die Erreichung der gesundheitspolitischen Ziele lässt sich am besten anhand der „Übersterblichkeit“ vergleichen. Diese gibt an, wie viel mehr Todesfälle im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt vor Ausbruch der Pandemie zu beklagen waren. Sämtliche Teilziele (Inzidenzwerte, Intensivkapazitäten etc.) schlagen sich im Wesentlichen darin nieder. Verglichen mit den anderen G7-Staaten weist Deutschland nach Japan den geringsten Anstieg der Übersterblichkeit seit Ausbruch der Pandemie bis zum aktuellen Rand auf (Our World in Data).

Die im In- und Ausland angewandten Eindämmungsmaßnahmen wie Schließung des Einzelhandels und der Gastronomie haben die wirtschaftliche Aktivität stark eingeschränkt. Das Bruttoinlandsprodukt ist der umfassendste Indikator zur Darstellung der wirtschaftlichen Effekte – es schließt die Wertschöpfung aller produzierten Güter und Dienstleistungen ein. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem zweiten Quartal 2021 um 4,6 % unter dem Vorkrisenniveau. Innerhalb der G7 entspricht dies einem mittleren Wert. In den Vereinigten Staaten, Japan und Kanada war der BIP-Einbruch weniger stark.

Um 4,6% lag das deutsche BIP zwischen Januar 2020 und Juni 2021 unter dem Vorkrisen-Niveau.

Italien war durch den frühen Beginn der Pandemie sowie die hohe Bedeutung des Tourismus besonders betroffen. Die stärksten BIP-Verluste erlitt das Vereinigte Königreich, wobei dort allerdings auch der Brexit eine Rolle gespielt haben dürfte (Abbildung 1).

Wichtiger noch als die Höhe des BIP-Einbruchs ist das Tempo der Erholung. Die schnellste Erholung ist in den Vereinigten Staaten zu beobachten. Hier wurde das Vorkrisenniveau bereits im zweiten Quartal erreicht. Für Deutschland sowie Frankreich und das Vereinigte Königreich dürfte das Vorkrisenniveau gemäß der Augustprognose von Oxford Economics voraussichtlich im vierten Quartal erreicht werden.

In Kürze Die schnellste wirtschaftliche Erholung innerhalb der G7 gab es in den USA.
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Der zeitweise wirtschaftliche Einbruch in den G7-Staaten war angesichts der Eindämmungsmaßnahmen unvermeidlich. Ein wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik war es immer auch, die Folgen auf den Arbeitsmarkt so gut wie möglich abzufedern, um langfristige negative Effekte zu vermeiden. Infolge sehr unterschiedlicher Arbeitsmarktinstitutionen und Ausgangslagen waren die Auswirkungen in den G7-Staaten jeweils sehr verschieden. Die Entwicklung der Erwerbstätigkeit ist der aussagekräftigste Indikator zur Beurteilung des Arbeitsmarktes, da Verzerrungen in der Zählung der Arbeitslosen darin vermieden werden. Der durchschnittliche Rückgang der Erwerbstätigkeit war in Deutschland etwas stärker als in Japan und Frankreich. Allerdings waren die Verluste deutlich geringer als in Kanada oder den USA. Insgesamt war der Beschäftigungsverlust in Deutschland mit einem durchschnittlichen Rückgang der Erwerbstätigkeit um 1,4 % seit Ausbruch der Pandemie bis März 2021 auch im G7-Vergleich moderat; die arbeitsmarktpolitischen Instrumente haben gegriffen. Am aktuellen Rand steigt die Erwerbstätigkeit wieder an (Abbildung 2).

Neben der Vermeidung von Arbeitslosigkeit war es überall Ziel der Wirtschaftspolitik, krisenbedingte Unternehmensschließungen von ansonsten gesunden Unternehmen zu vermeiden. Die Insolvenzen sind in allen G7-Staaten, für die Daten vorliegen, durch Moratoriumsregelungen sowie staatliche Hilfsprogramme in der Krise kräftig gesunken. Für Deutschland deutet sich bislang trotz Wiedereinführung der Insolvenzantragspflicht kein deutlicher Anstieg der Insolvenzen an. Die fundamentale wirtschaftliche Situation der Unternehmen zeigt sich auch am Anteil der notleidenden Kredite im Kreditportfolio der Banken. Diese Quote ist ein Anzeichen für die tatsächliche Zahlungsfähigkeit der Unternehmen und Haushalte und ist weniger stark vom Insolvenzrecht beeinflusst. Der Anteil der notleidenden Kredite in Deutschland befindet sich im Mittelfeld der G7 und hat sich kaum verändert.

Um rund 13 Prozentpunkte ist die öffentliche Verschuldung in Deutschland – relativ zum BIP – gestiegen
Grafik DURCHSCHNITTLICHE BIP-VERÄNDERUNG IM VERGLEICH ZU VORKRISENNIVEAU (LINKS) UND ZEITPUNKT DES ERREICHENS DES BIP-VORKRISENNIVEAUS (RECHTS)


Die wirtschaftlichen Unterstützungsmaßnahmen haben die Staatshaushalte aller G7-Staaten stark belastet. Die Auswirkungen auf die Staatsverschuldung waren dabei aber sehr unterschiedlich: Unter den G7-Staaten weist Deutschland das geringste Budgetdefizit im Jahr 2020 auf und wird Prognosen zufolge auch 2021 zu den G7-Staaten mit dem geringsten Budgetdefizit gehören (Abbildung 3, linke Seite).

Der öffentliche Bruttoschuldenstand in % des BIP in Deutschland dürfte der EU-Kommission zufolge Ende 2021 um etwa 13 Prozentpunkte höher liegen als im Jahr 2019 (Abbildung 3, rechte Seite). Damit verzeichnet Deutschland den niedrigsten Anstieg der Schuldenquote unter den G7-Staaten. Das ist unter anderem auf eine strukturell relativ günstige Ausgangslage sowie auch auf den relativ geringen BIP-Rückgang („Nennereffekt“) zurückzuführen. Im Unterschied zu anderen G7-Staaten hatte Deutschland vor der Krise für die Jahre 2020 und 2021 keine Neuverschuldung geplant.

Grafik ENTWICKLUNG VON ERWERBSTÄTIGKEIT (LINKS) UND INSOLVENZEN (RECHTS)
Grafik BUDGETDEFIZITE 2020 UND 2021 (LINKS) UND ANSTIEG DER STAATLICHEN VERSCHULDUNG 2021 VS. 2019 (RECHTS)

Fazit

Insgesamt entsprachen der wirtschaftliche Einbruch und die anschließende Erholung in Deutschland dem Durchschnitt der G7. Die ergriffenen wirtschaftspolitischen und arbeitsmarktpolitischen Instrumente haben eine stabilisierende Wirkung entfaltet. Der Arbeitsmarkt konnte auch im G7-Vergleich stabil durch die Krise geführt werden. Zudem zeichnet sich in Deutschland keine Insolvenzwelle ab. Zugleich weist Deutschland trotz umfangreicher Programme zur Stützung des Arbeitsmarktes und zur Vermeidung von Unternehmensinsolvenzen den geringsten Anstieg der Staatsschuldenquote unter allen G7-Staaten auf.

Die Pandemie ist aber noch nicht vorüber. Wie gut die G7- und andere Staaten insgesamt durch die Krise gekommen sind, wird sich frühestens im kommenden Jahr abschließend beurteilen lassen.


KONTAKT

DR. WOLFRAM WILDE & DR. NIKOLAI ZIEGLER
Referat: Internationale Wirtschafts- und Währungsfragen
schlaglichter@bmwi.bund.de