Mit Daten gegen die Krise

Pandemiebekämpfung ist auch Wirtschaftspolitik. Das haben die Auswirkungen der in den vergangenen eineinhalb Jahren ergriffenen Maßnahmen sehr deutlich gezeigt. Je besser und effektiver es gelingt, das Virus mit geeigneten Mitteln in den Griff zu bekommen, desto weniger hart sind die Einschnitte für die Unternehmen und die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, und desto eher sind Lockerungen für die Wirtschaft und ein nachhaltiger konjunktureller Aufschwung möglich.

Für eine evidenzbasierte Analyse verschiedener Eindämmungsmaßnahmen fehlte aber lange Zeit die notwendige Datengrundlage. Insbesondere gab es lange keine Übersicht darüber, welche Maßnahmen wann und in welchen Regionen eingesetzt oder wieder abgeschafft wurden. Auch sonst ist die Datenlandschaft sehr vielschichtig – das betrifft die Quellen ebenso wie Unterschiede in Format und Qualität.

Krisenpolitik auf ein belastbares Fundament stellen

Dabei zeigten Studien bereits in einem frühen Stadium der Pandemie, wie hilfreich die Analyse kleinräumiger Daten sein kann. Regionale und zeitliche Unterschiede beim Einsatz von bestimmten Eindämmungsmaßnahmen, synthetische Kontrollgruppen, räumliche Analysen und ähnliche Ansätze stellen die Krisenpolitik nach und nach auf ein belastbares Fundament. Doch die Zusammenstellung der notwendigen Daten stellt für den einzelnen Forscher eine immense Hürde dar.

In Kürze Die Analyse kleinräumiger Daten kann bei der Bewertung von Maßnahmen sehr hilfreich sein.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat vor diesem Hintergrund die Corona-Datenplattform aufgebaut. In der Plattform, die das infas Institut gemeinsam mit infas 360 und unterstützt durch das Institut für Hygiene und Public Health (IHPH) der Universität Bonn bereits im vergangenen Jahr fertiggestellt hat, finden sich nicht nur detaillierte Informationen über regionale Lockdown-Maßnahmen, sondern auch über das Infektionsgeschehen, das Mobilitätsverhalten, regionale Strukturdaten und vieles mehr. Die Datenbank wird ständig aktualisiert und weiterentwickelt und umfasst mittlerweile unter anderem auch Informationen zur Übersterblichkeit.

Die Datenbank wird ständig aktualisiert und weiterentwickelt.

Begleitet hat den Aufbau ein wissenschaftlicher Expertenbeirat, in dem Wirtschaftswissenschaftlicher wie Prof. Peichl, Virologen wie Prof. Streeck und andere Fachleute vertreten sind. Die Datensammlung und Erfassung der Maßnahmen ist mindestens bis Ende 2021 sichergestellt.

Freier Datenzugang über das statistische Bundesamt

Das Angebot war zunächst als Angebot für die Wissenschafts-Community geplant. Im letzten halben Jahr haben sich bereits nahezu 450 Forscherinnen und Forscher kostenfrei auf der Plattform registriert. Unter anderem arbeiten Forscher der HU Berlin und zahlreicher weiterer Universitäten oder des ifo Instituts mit den Daten. So entstand zum Beispiel eine Analyse zur Virusausbreitung in städtischen und ländlichen Regionen. Auch der Presse wurden die Informationen zur Verfügung gestellt, die beispielsweise über das Ausmaß der Schulschließungen berichtet hat.

Mit Daten gegen die Krise

Auch außerhalb der Wissenschaft ist das Interesse an der Corona-Datenplattform groß. Aus diesem Grund wird die Corona-Datenplattform in Zukunft frei zugänglich in Form offener Daten durch das Statistische Bundesamt angeboten. Eine Registrierung ist dafür nicht erforderlich.

Erkenntnisse zu Eindämmungsmaßnahmen und Homeoffice-Nutzung

Das infas-Institut und die beteiligten Partner haben nicht nur ein umfangreiches Informationsangebot geschaffen, sondern setzen sich auch selbst intensiv mit den erhobenen und gesammelten Daten auseinander.

Dabei zeigt sich immer wieder, wie schwierig die Identifikation kausaler Effekte ist, insbesondere da viele Maßnahmen überregional und gleichzeitig ergriffen wurden. So zeigen einfache Korrelationsanalysen mit einer groben Kategorisierung der Maßnahmen zumindest bis zum letzten Herbst keine eindeutigen und starken Effekte. Maskenpflicht, Versammlungsverbote und andere Eindämmungsmaßnahmen haben den Analysen zufolge gleichwohl zu einer Reduktion der Inzidenzwerte beigetragen. Ein Blick in die Details der Datenbank sowie weitere Analyseansätze können in Zukunft möglicherweise dabei helfen, auch echte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu identifizieren.

30 % der Beschäftigten arbeiteten im ersten Halbjahr im Homeoffice.

In ihrem jüngsten Bericht setzen sich die Forscher – mit freundlicher Unterstützung des ifo Instituts – mit dem Thema Homeoffice auseinander. Analysen zeigen, dass Präsenzbeschäftigte vier- bis achtmal häufiger von einer Corona-Infektion betroffen sind als die Kollegen im Homeoffice. In Regionen, in denen mehr zuhause gearbeitet wird, fällt auch die Infektionsrate signifikant niedriger aus. Das Arbeiten vom heimischen Arbeitsplatz kann also einen entscheidenden Beitrag zur Absenkung der Fallzahlen leisten. Allerdings wird das Homeoffice-Potential noch nicht voll ausgeschöpft. Die Möglichkeit zur Arbeit im häuslichen Arbeitszimmer ist vor allem in den Städten mit einem größeren Dienstleistungssektor ausgeprägt. In diesem Zusammenhang hat infas 360 erstmals eine regionale Übersicht über die Homeoffice-Nutzung in Deutschland erstellt (Abbildung 2).

Mit Daten gegen die Krise

Die Ergebnisberichte werden unter anderem auf den Internetseiten des BMWi veröffentlicht. Im weiteren Projektverlauf werden weitere Analysen ergänzt.

Wissenschaft braucht Daten

Die aktuelle Corona-Pandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine Datenkrise. Bis heute gibt es keine wiederholten, repräsentativen Testungen; Abwassertests auf das Ausmaß von Infektionen werden nur in Pilotregionen erprobt. Es fehlen auch detaillierte Test- und Impfdaten für einzelne Kreise. Das wäre für eine regional differenzierte Krisenpolitik eine wichtige Voraussetzung. Die Corona-Datenplattform will einen kleinen Beitrag leisten, um die Informationslage für die Wissenschaft, aber auch für die breite Öffentlichkeit zu verbessern.

In Kürze Es fehlen detaillierte Test- und Impfdaten für eine regional differenzierte Krisenpolitik.


MEHR ZUM THEMA

Weitere Informationen unter:
bmwi.de/corona-datenplattform
www.corona-daten-deutschland.de
www.corona-datenplattform.de


KONTAKT
Dr. Sören Enkelmann
Referat: Wirtschaftspolitische Analyse

schlaglichter@bmwi.bund.de