Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

© BPA/Steffen Kugler

Sehr geehrte Frau Präsidentin Ursula von der Leyen,
sehr geehrter, lieber Kollege Heiko Maas,
Ministerkollegen,
Staatssekretäre,
Zuschauer in aller Welt und rund um unseren Planeten!

Es ist der siebte Berlin Energy Transition Dialogue – und es ist vermutlich der bisher wichtigste. Heiko Maas hat gesagt: Wir haben 30 Jahre Zeit, unser Ziel - Klimaneutralität - zu erreichen. Wir schauen aber auch zurück auf 30 Jahre, in denen tausende, zehntausende, hunderttausende von Bürgern, Aktivisten, Idealisten, NGO’s, Regierungsvertretern, Ministern und Präsidenten für das Ziel von Nachhaltigkeit Energiewende und Klimaschutz gekämpft und gestritten haben. Wir schauen zurück auf eine große Serie von Rückschlägen und Niederlagen, aber auch auf bemerkenswerte Erfolge.

Es ist in dieser Zeit gelungen, den CO2-Ausstoß in einigen Ländern zu reduzieren; in anderen ist er deutlich angestiegen. Deutschland - das werden wir heute erfahren - hat sein Ziel erreicht, den CO2-Ausstoß von 1990 bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren. Auch aufgrund der Entwicklungen der letzten Monate. Wir alle waren sehr traurig, als wir entscheiden mussten, den siebten Berlin Energy Transition Dialogue als Videokonferenz durchzuführen - anstelle eines persönlichen und physischen Zusammentreffens hier in Berlin. Aber: wir haben die Möglichkeit, auf diese Weise viel mehr Menschen daran zu beteiligen; und alle, die uns zuschauen, alle, die über die Ergebnisse dieser Konferenz in ihren Ländern diskutieren werden, sind diejenigen, die es in der Hand haben, ob das große Ziel gelingt.

Als wir vor sieben Jahren begonnen haben, mit dem Berlin Energy Transition Dialogue, sprachen wir über Energy Transition, über die Energiewende. Und das ist sicherlich ein enorm wichtiger Punkt. Heute sprechen wir über Climate Neutrality. Und das ist mehr als nur ein quantitativer Wechsel; es ist eine qualitative Veränderung. Wir trauen uns zu, Klimaneutralität innerhalb von drei Jahrzehnten zu erreichen. Und dass dieses Ziel mehr ist, als nur eine Idee oder eine Überlegung, verdanken wir der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament, verdanken wir all denen, die bereit waren, für den Green Deal zu arbeiten, Risiken einzugehen, Entscheidungen zu treffen. Und wir verdanken es denjenigen, die in ihren Ländern, in Asien, in Amerika, in Afrika diese Entwicklung aufgegriffen haben. Der Umstand, dass sich so viele Industrieregion – Südkorea, Japan - bereits verpflichtet haben, dieses Ziel zu erreichen. Der Umstand, dass ein Land wie die Volksrepublik China gesagt hat: wir schaffen es vielleicht nicht 2050, aber 2060 wollen wir soweit sein. Der Umstand, dass so viele erdöl- und erdgasproduzierende Länder von sich aus erkannt haben, dass die Zukunft auch in der Investition in erneuerbare nachhaltige Energien liegt. Das alles ist Grund zur Hoffnung.

Und vor allem freuen wir uns, dass die USA, dass unsere amerikanischen Freunde, wieder mit dabei sind. Sie sind wieder Teil des Pariser Klimaabkommens. Und wir freuen uns sehr, dass nicht nur Ursula von der Leyen diesen Transition Dialogue mit ihrer Anwesenheit und mit ihrem Redebeitrag bereichern wird. Wir freuen uns besonders, dass der Klimabeauftragte, dass Secretary John Kerry, einer der erfahrensten und weitsichtigen Politiker in den USA, sich bereit erklärt hat, heute eine Keynote zu uns zu sprechen. Heiko Maas und ich, wir haben beide mit ihm telefoniert; wir haben mit unserer amerikanischen Kollegin gesprochen, der Energieministerin Jennifer Granholm. Und wir wissen, wie viel Aufbruch gerade in den USA stattfindet.

Das alles muss für uns eine Chance sein, jetzt die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen. Es muss eine Chance sein, jetzt sicherzustellen, dass wir das Ziel im Jahre 2050 auch tatsächlich erreichen. Now or never, jetzt oder nie. Wir müssen diese Gelegenheit nutzen, wir müssen Nägel mit Köpfen machen. Wir müssen Vereinbarungen treffen, wir müssen uns verbindliche Vorgaben geben – global, regional und jeder auch in seinem eigenen Land. Das ist nicht nur ein Dienst am Klimaschutz. Es ist auch ein Dienst an unseren eigenen Volkswirtschaften. Denn die Zukunft wird zeigen, dass es möglich ist, Nachhaltigkeit und Klimaschutz und Wohlstand miteinander zu verbinden. Für Entwicklungsländer ebenso wie für Schwellen- und Industrieländer. Wir müssen nur gemeinsam vorangehen. Und wir müssen den Mut haben, die notwendigen Veränderungen anzugehen.

Deutschland ist von Einigen belächelt worden, als wir vor über 20 Jahren den Weg begannen; weg von einer Energiewirtschaft, die im Wesentlichen auf fossilen Energien gegründet war. Hin zu einer Energiewirtschaft, die mit erneuerbaren Energien funktioniert. Das mag möglich sein, in Ländern, die vor allem Dienstleistungen produzieren; in einem Industrieland ist es ausgeschlossen. So lautete damals die Kritik. Und heute? Fast 50 Prozent unseres Stromverbrauchs hier in Deutschland werden bereits aus erneuerbaren Energien gewonnen. Und das, obwohl wir nicht die Möglichkeit haben, in großem Umfang auf Wasserkraft zurückzugreifen. Wir haben es geschafft, durch Photovoltaik, durch Windenergie, durch Biogas und durch Biomasse eine Energiewende zu erreichen, die unsere Versorgungssicherheit, die die hohe Qualität unserer Energieversorgung, zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt hat. Und ja, wir erleben, dass in vielen dutzend - ja vermutlichen in über 100 - Ländern dieser Welt ähnliche Entwicklungen begonnen haben.

Off-Shore Windenergie, On-Shore Windenergie: in vielen Fällen wird erneuerbare Energie inzwischen bereits zu marktfähigen Preisen produziert. Das hätten wir uns vor 20 Jahren so noch gar nicht vorstellen können. Und deshalb ist die Geschichte der letzten 20, 30 Jahre auch eine Geschichte der Ermutigung für uns, dass wir den verbleibenden Weg gemeinsam zurücklegen. Dazu müssen wir bereit sein, Technologie in den Vordergrund zu stellen. Wir müssen bereit sein, auf Digitalisierung zu setzen. Wir müssen bereit sein, eine internationale Wirtschaft von grünem Wasserstoff mit einer Infrastruktur zur Erzeugung, zum Transport, zur Verteilung und zum Verbrauch zu schaffen. Grüner Wasserstoff, dass ist Wasserstoff, der klimaneutral mit Hilfe erneuerbarer Energien und Elektrolyse hergestellt wird. Und zwar in Ländern und Regionen, wo die klimatischen Verhältnisse, die Wetterverhältnisse, wo Wind und Sonne viel günstiger sind als in Ländern wie Deutschland oder in anderen europäischen Ländern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Und dieser Wasserstoff kann ebenso transportiert werden - über Schiffe, durch Pipelines - wie heutzutage Erdöl oder Erdgas. Er kann dazu beitragen, die Energieversorgung auf der Grundlage erneuerbarer Energien zu verstetigen. Die Lücken zu füllen, die Windräder und die Photovoltaik-Dächer im Augenblick noch nicht füllen können. Das ist eine große, eine spannende Reise. Weil wir neue Technologien entwickeln müssen, um diesen Wasserstoff zu transportieren. Weil wir ihn möglichst energieeffizient erzeugen müssen. Weil wir Infrastrukturen brauchen, die dafür sorgen, dass er dort ist, wo er gebraucht wird.

Wir wissen heute, dass wir klimaneutralen Grünen Stahl herstellen können. Indem wir die Kokskohle, die zu seiner Erzeugung gebraucht wird - und die einen der größten Emittenten von der CO2 in der Industrie darstellt - einfach durch Grünen Wasserstoff ersetzen. Und es geht! Es ist nachgewiesen, es ist bestätigt. Ja, man muss investieren; in neue Hochöfen, in neue Produktionstechniken. Aber dann kann man Grünen Stahl erzeugen, Grünes Kupfer, Grünes Aluminium und vieles mehr. Es ist möglich, eine Grüne Chemie zu entwickeln, auf der Grundlage von Grünem Wasserstoff. Es ist möglich, Sektorkopplung zu betreiben: auf der Grundlage von Grünem Wasserstoff.

Andere, wie Elon Musk, arbeiten daran, alternative Antriebskonzepte zu verankern. Mit Batterietechnologien. Alleine in Europa werden in den nächsten Jahren zehntausende von Arbeitsplätzen entstehen, in sogenannten Batteriezell-Fabriken, in Giga-Factories. Damit die rasant wachsende Nachfrage nach Batterien gedeckt werden kann. Grüner Wasserstoff in Brennstoffzellen. Synthetisches Benzin auf der Grundlage erneuerbarer Energien. All das hilft uns. Aber: wir brauchen, um dieses Ziel zu erreichen, nicht nur technologische Innovationen. Wir brauchen vor allem Kooperation; internationale, globale Kooperation. Und es kann nicht darauf ankommen, wer am mächtigsten ist. Zählen muss, wer am innovativsten ist. Wer die Bereitschaft zeigt, diesen Weg zu gehen und mit vorne dabei zu sein.

Mit der Rückkehr der USA zum Klimaschutzabkommen von Paris öffnet sich ein einzigartiges Window of Opportunity, ein Fenster der Gelegenheit, um die großen Industrienationen zusammenzubringen. Und um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich auch Entwicklungs- und Schwellenländer dieser Entwicklung anschließen können. Wir haben in der Vergangenheit bereits viel Geld investiert, um Energiewende und Klimaschutz möglich zu machen. Wir haben jetzt die Chance, die Kosten für die Zukunft dadurch zu senken, dass wir kooperieren, dass wir uns vergleichbare Ziele und Zwischenziele setzen. Und dadurch, dass wir sie gemeinsam umsetzen. Ich plädiere für eine starke transatlantische Energiepartnerschaft zwischen der Europäischen Union einerseits und den USA andererseits. Nicht als ausschließlich und privilegierend, sondern als Ermutigung für andere. Wir können dieses Jahr, das so schlecht begonnen hat - mit der weltweiten Corona-Pandemie - wir können dieses Jahr nutzen. Als ein Jahr des Aufbruchs für uns alle, für das Klima, aber vor allem auch für unsere Kinder und Enkelkinder. Das ist unserer Verpflichtung, das ist unser Auftrag.