Wachstumskurve mit Kugelschreiber symbolisiert die wirtschaftliche Lage.

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  • Nach der Lockerung von Infektionsschutzmaßnahmen im In- und Ausland hat eine spürbare Erholung der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Der Erholungsprozess steht aber erst am Anfang. Die Kapazitäten sind noch deutlich unterausgelastet.
  • Die Industrieproduktion hat ihren Tiefpunkt überschritten. Die gestiegenen Auftragseingänge deuten auf eine anziehende Produktion in den kommenden Monaten hin. Risiken bestehen jedoch insbesondere in der sich nur sehr leicht belebenden Nachfrage aus dem Nicht-Euroraum.
  • Die Pandemie-bedingte Belastung nimmt auch am Arbeitsmarkt weiter ab. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit fällt im Juni mit +69.000 Personen gegenüber dem Mai deutlich schwächer aus als in den Vormonaten. Ersten Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit zufolge waren im Mai etwa 6 Mio. Personen in Kurzarbeit nach 6,8 Mio. Personen im April. Die Frühindikatoren haben sich nach dem Einbruch in den Vormonaten wieder etwas erholt.

Allgemeine Lage: konjunktureller Tiefpunkt im April, dann allmähliche Erholung

Der konjunkturelle Tiefpunkt ist durchschritten. Nach einem beispiellosen Einbruch im April geht es im Mai wieder aufwärts. Die im letzten Monat veröffentlichten Konjunkturindikatoren senden zwei Signale: die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem spürbaren Aufholprozess, die Kapazitäten sind aber noch stark unterausgelastet.[1] Die Lockerungen von Infektionsschutzmaßnahmen im In- und Ausland lassen Nachfrage und Angebot wieder steigen. Die Industrie meldete für den Mai einen Produktionszuwachs von +10,3 Prozent gegenüber April. Im Bereich Kfz und Kfz-Teile erholte sich der Produktionsindex besonders stark. Laut VDA werden im Juni weitere Steigerungen verzeichnet; sowohl die Neuzulassungen (+18 Prozent) als auch die Produktion (+84 Prozent) legten gegenüber Mai zu. Der Blick nach vorn deutet auf eine weitere Verbesserung hin; der ifo- und PMI-Index sowie die Auftragseingänge sind aufwärtsgerichtet. Auch in Teilen des Dienstleistungssektors hat die Erholung eingesetzt. Dies zeigt zum Beispiel die Entwicklung im Einzelhandel (ohne Kfz), für den inzwischen die Umsatzzahlen für Mai vorliegen: Mit einem Plus von +13,9 Prozent fiel die Gegenbewegung zum April deutlich aus. In der zweiten Jahreshälfte entstehen weitere Anreize zum Konsum durch die befristete Senkung der Steuern vom Umsatz. Für das mittlerweile abgelaufene zweite Quartal dürfte das Statistische Bundesamt am 30. Juli allerdings trotz gesamtwirtschaftlicher Erholung eine deutlich negative Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts melden. Dies geht insbesondere auf den historisch einmaligen Einbruch im April zurück. Erst ab dem dritten Quartal werden für das Bruttoinlandsprodukt wieder positive Raten zu verzeichnen sein. Der Aufholprozess der deutschen Wirtschaft ist zwar dynamisch, steht aber erst am Anfang. Die Unterauslastung der Produktionskapazitäten ist noch hoch. Die Industrieproduktion befand sich im Mai erst bei etwa 75 Prozent des Niveaus vor Corona; in der Kfz-Branche waren es nur knapp 50 Prozent (laut VDA im Juni ca. 74 Prozent). Mit entscheidend für den weiteren Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wird auch sein, wie schnell sich die Auslandsnachfrage nach deutschen Gütern erhöht. Im Mai wurden die Warenexporte mit +11,6 Prozent (nominal) zwar kräftig gesteigert. Die Ausfuhren zu wichtigen Handelspartnern, die besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen sind (z. B. Vereinigte Staaten und das Vereinigte Königreich), entwickeln sich aber schwächer als zu anderen Staaten (z. B. China). Auch bei den Auftragseingängen aus dem Ausland gibt es Unterschiede. Während die Aufträge aus der Eurozone für eine Verbesserung sprechen, unterstreichen die sich nur schleppend erholenden Bestellungen aus dem Nicht-Euroraum das Risiko der weltwirtschaftlichen Lage für die deutsche Konjunktur.

Weltwirtschaft: Indikatoren skizzieren heftige Rezession

Für die Weltkonjunktur zeichnet sich im zweiten Quartal ein stärkerer Einbruch als im ersten Quartal ab. Die globale Industrieproduktion ging im April massiv zurück. Viele Länder in Europa und dem Rest der Welt verschärften aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus ihre Infektionsschutzmaßnahmen. Es kam im April 2020 zu einer Drosselung der weltweiten Industrieproduktion von um 12,1 Prozent im Vergleich zum April 2019. Noch stärker fällt der Rückgang im globalen Warenhandel aus. Im April betrug der Absturz 16,2 Prozent im Vorjahresvergleich. Für den weiteren Jahresverlauf senden die Stimmungsindikatoren jedoch positive Signale. Der globale Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Industrie übertraf im Mai bereits wieder sein Niveau vom Februar, bleibt mit 47,7 Punkten aber noch unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Selbst bei einer raschen Erholung dürfte die Corona-Rezession der Weltwirtschaft das Ausmaß der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise 2008/09 deutlich übersteigen.

Auch nationale Frühindikatoren zur Außenwirtschaft verbesserten sich weiter. Die ifo Exporterwartungen für das Verarbeitende Gewerbe haben sich im Juni per Saldo deutlich aufgehellt. Mittlerweile gehen knapp 20 Prozent der Unternehmen (Mai: rund 14 Prozent) von einer Verbesserung in den nächsten drei Monaten aus. Die Auftragseingänge aus dem Ausland erholten sich im Mai ebenfalls, allerdings vor allem aus der Eurozone, weniger aus Drittstaaten. Die Aussichten für den deutschen Außenhandel verbessern sich damit. Im Zuge der Erholung von Produktion und Nachfrage sollten sowohl Exporte als auch Importe im Laufe der zweiten Jahreshälfte deutlich steigen.

Deutscher Außenhandel verzeichnet erste Belebung

Im Mai konnten sich die Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen saisonbereinigt und in jeweiligen Preisen mit einem Anstieg von 7,7 Prozent gegenüber April von ihren kräftigen Rückgängen in den beiden Vormonaten: (April: -22,4 Prozent; März: -10,8 Prozent) etwas erholen. Das Niveau der Waren- und Dienstleistungsexporte liegt damit allerdings erst etwa bei 75 Prozent des Niveaus vor Beginn der Corona-Krise. Im Zweimonatsvergleich April/Mai ergab sich noch eine spürbare Abnahme von 24,0 Prozent.

Die unterschiedliche Betroffenheit von der Corona-Pandemie zeigt sich auch in den Außenhandelsdaten. Der Handel mit Staaten, die besonders schwer von der Corona-Pandemie betroffen sind, darunter die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich, entwickelt sich deutlich schwächer als mit Ländern, die geringe Neuinfektionszahlen melden, wie z. B. China.

Die Erholung der Einfuhren von Waren und Dienstleistungen fiel im Mai saisonbereinigt und nominal gegenüber dem Vormonat mit 3,0 Prozent gegenüber April vergleichsweise schwach aus (April: -18,0 Prozent; März: -6,8 Prozent). Im Zweimonatsvergleich sanken die Importe noch um beispiellose 19,7 Prozent.

Industrieproduktion erholt sich von niedrigem Niveau - Tiefpunkt durchschritten

Die Produktion im Produzierenden Gewerbe hat sich nach dem drastischen Einbruch in den beiden Vormonaten im Mai deutlich erholt. Saisonbereinigt stieg sie gegenüber April um 7,8 Prozent. Der Zuwachs in der Industrie war mit +10,3 Prozent besonders ausgeprägt. Der Bau verzeichnete einen vergleichsweise moderaten Anstieg in Höhe von 0,5 Prozent. Maßgeblich für den Anstieg der Industrieproduktion war die Wiederaufnahme der im April weitestgehend zum Stillstand gekommenen Kfz-Produktion (ca. +216 Prozent). Dennoch entspricht das Niveau der Automobilproduktion im Mai nur etwa der Hälfte des Vorjahresniveaus. Auch aus den gewichtigen Bereichen Maschinenbau und Erzeugung von elektrischer Ausrüstung wurden kräftige Produktionssteigerungen gemeldet (+9,8 Prozent bzw. +4,7 Prozent); der Index liegt aber erst bei etwa 79 Prozent bzw. 84 Prozent des Vorjahreswerts. Die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe haben sich im Mai gegenüber dem Vormonat um 10,4 Prozent erhöht (April: -26,2 Prozent). Die Bestellungen von Investitionsgütern nahmen dabei spürbar um 20,3 Prozent zu (Kfz-Bereich: +44,4 Prozent), während bei Konsum- und Vorleistungsgütern geringere Zuwächse in Höhe von 4,7 Prozent bzw. 0,4 Prozent verzeichnet wurden.

Die Mai-Daten zur Produktion und den Auftragseingängen deuten darauf hin, dass der Tiefpunkt der Industrierezession durchschritten wurde. Auch das ifo Geschäftsklima und der PMI für die Industrie haben sich im Mai und Juni spürbar erholt. Das nach wie vor niedrige Niveau von Produktion und Auftragseingängen zeigt allerdings, dass der Aufholprozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Zudem bleibt die immer noch schwache Entwicklung der außereuropäischen Bestellungen ein Risiko für die weitere Erholung.

Die Belebung im Einzelhandel hat begonnen

Im Mai nahm der Konsum auf Grund wieder geöffneter Geschäfte deutlich zu. Die Umsätze im Einzelhandel ohne Kfz steigerten sich von April auf Mai um 13,9 Prozent. Insbesondere der Einzelhandel mit Textilen, Bekleidung und Schuhen nahm um 173 Prozent zu, unterschreitet das Niveau aus dem Mai 2019 aber noch deutlich. Auch der Handel mit Einrichtungsgeständen erhöhte sich mit +42 Prozent kräftig, die Umsätze liegen damit bereits wieder über dem Vorjahreswert. Der Versandhandel nahm den zweiten Monat in Folge um mehr als 10 Prozent zu (April +11,3 Prozent und Mai +11,5 Prozent). Die Neuzulassungen von Pkw durch private Halter blieben im Juni allerdings nahezu auf dem Niveau des Vormonats und damit weiterhin unter dem Vorkrisenstand. Das ifo Geschäftsklima im Einzelhandel stieg im Juni deutlich, auch wenn es noch im negativen Bereich lag. Das GfK Konsumklima erholt sich im Juli weiter. Die Verbraucherpreise zogen im Juni gegenüber Mai um 0,6 Prozent an, der Preisauftrieb ging insbesondere von mittlerweile wieder möglichen Pauschalreisen aus, die deutlich teurer wurden. Die Inflationsrate erhöhte sich im Juni auf 0,9 Prozent (Mai: 0,6 Prozent). Die Kerninflationsrate (ohne Energie und Nahrungsmittel) veränderte sich nur leicht von 1,2 Prozent im Mai auf 1,3 Prozent im Juni.

Anstieg der Arbeitslosigkeit deutlich schwächer als in den Vormonaten

Im Berichtsmonat Juni nehmen die Pandemie-bedingten Belastungen auf dem Arbeitsmarkt wieder ab. Die Arbeitslosigkeit stieg saisonbereinigt um 69.000 Personen und damit spürbar weniger stark als im April und Mai (+372.000 bzw. 237.000 Personen). Nach den Ursprungszahlen (2,85 Mio. Personen) wurde der Vorjahresstand aber weiterhin um 637.000 Personen überschritten. Durch den massiven Einsatz von Kurzarbeit wird ein stärkerer Anstieg vermieden. Die Anzeigen für konjunkturelle Kurzarbeit betrafen im Juni 342.000 Personen und damit weniger als in den Monaten zuvor (Mai: 1,14 Mio. Personen; März/April: 10,66 Mio. Personen). Besonders viele Anmeldungen gab es in der Metallindustrie, dem Fahrzeugbau, dem Gastgewerbe sowie den Sonstigen Dienstleistungen. Für die tatsächlich realisierte Kurzarbeit liegen derzeit erst Daten für den April vor. Demnach erhielten im April 6,8 Mio. Personen konjunkturelles Kurzarbeitergeld. Damit wurde der Höchstwert während der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 um ein Vielfaches übertroffen. Nach vorläufigen Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai mit rund 6 Mio. Personen etwas weniger Menschen in Kurzarbeit.

Die saisonbereinigte Erwerbstätigkeit im Inland sank im Mai gegenüber dem Vormonat um 314.000 Personen, nach einer Abnahme um 273.000 Personen im April. Das waren die bislang stärksten Rückgänge seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Eine Abwärtsrevision der Erwerbstätigenzahlen für den April ist allerdings wahrscheinlich. Daher kann damit gerechnet werden, dass sich der Rückgang im Mai im Vergleich zum Vormonat bereits etwas abgeflacht hat. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm im Shutdown-Monat April um 276.000 Personen ab (März: -42.000 Personen), wovon insbesondere das Verarbeitende Gewerbe, das Gastgewerbe, die Arbeitnehmerüberlassung sowie der Handel betroffen sind. Die Frühindikatoren haben sich etwas erholt, lassen in den nächsten Monaten aber noch keine nachhaltige Besserung erwarten.

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[1] In diesem Bericht werden Daten verwendet, die bis zum 10. Juli 2020 vorlagen. Soweit nicht anders vermerkt, handelt es sich um Veränderungsraten gegenüber der jeweiligen Vorperiode auf Basis preisbereinigter sowie kalender- und saisonbereinigter Daten.