Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier

© BMWi/Andreas Mertens

Der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, zu der heute vorgelegten Herbstprojektion:

„Wir stehen vor einer nationalen Kraftanstrengung. Wir müssen gemeinsam die aktuelle Infektionsdynamik brechen. Zusammenhalt und gegenseitige Solidarität sind das Gebot der Stunde. Deutschland ist bislang besser durch die Krise gekommen als viele andere Länder, weil wir während der ersten Welle der Pandemie gemeinsam und entschlossen gehandelt haben. Daher fällt der Abschwung in diesem Jahr auch weniger drastisch aus als zunächst befürchtet. Wir stehen aber aktuell an einem Scheideweg und müssen der zweiten Welle genauso entschlossen entgegentreten wie im Frühjahr, dann schaffen wir auch die nächste Etappe. Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz sind hart, aber sie sind notwendig. Nur wenn es uns gelingt, die Kurve der Neuinfektionen wieder abzuflachen, kann sich der Erholungsprozess unserer Wirtschaft dauerhaft fortsetzen und schwerer Schaden für Unternehmen und Beschäftigte verhindert werden. Unsere Wirtschaft und gerade die besonders betroffenen Branchen können dabei weiter auf die Bundesregierung zählen. Wir verlängern und verbessern unsere Hilfsprogramme nochmals. Mit der außerordentlichen Wirtschaftshilfe im November schaffen wir ein zusätzliches Instrument für die von Schließungen und Anordnungen besonders betroffenen Bereiche.“

Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr aufgrund des historischen Einbruchs in der ersten Jahreshälfte mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um preisbereinigt 5,5 Prozent. Nach dem Ende des harten Lockdowns kam es im Mai und Juni zunächst zu einer sehr kräftigen Belebung der deutschen Wirtschaft. Bei wieder verbesserter Auslastung hat sich die Erholung danach verlangsamt, aber unterstützt durch umfangreiche Konjunkturmaßnahmen der Bundesregierung fortgesetzt. Die aktuellen Frühindikatoren deuten darauf hin, dass der Aufholprozess trotz des wieder verstärkten Infektionsgeschehens im anstehenden Winterhalbjahr auf sehr geringem Niveau anhalten wird. Die wirtschaftliche Erholung steht und fällt aber mit der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens. Vor diesem – insgesamt sehr volatilen – Hintergrund rechnet die Bundesregierung im kommenden Jahr 2021 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 4,4 Prozent. Für das Jahr 2022, in dem die Kapazitäten noch leicht unterausgelastet sind, wird ein Anstieg der Wirtschaftsleistung um 2,5 Prozent erwartet. Das Vorkrisenniveau würde demnach frühestens zum Jahreswechsel 2021/2022 wieder erreicht werden.

Mit der Aufwärtsrevision für das laufende Jahr wird der veränderten Lage bei den aktuellen Konjunkturindikatoren Rechnung getragen. Diese fielen zum Teil spürbar besser aus als noch in der Interimsprojektion angenommen. Auch das weltwirtschaftliche Umfeld sieht etwas freundlicher aus. Die seitdem zu beobachtende Dynamik beim nationalen und internationalen Infektionsgeschehen ist in der Herbstprojektion berücksichtigt, eine weitere Beschleunigung wäre jedoch ein ernst zu nehmendes Risiko für den Erholungsprozess. Die neuesten Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz, die die Infektionsdynamik brechen und so auch das Risiko für den wirtschaftlichen Erholungsprozess reduzieren sollen, sind berücksichtigt.

Weitere Einzelheiten der Projektion:

  • Die Auswirkungen der Corona-Pandemie stürzen die Weltwirtschaft in eine schwere Rezession, deren Ausmaß die Finanzkrise 2008/09 übersteigt. In Anlehnung an die Prognosen internationaler Organisationen (IWF, OECD) erwarten wir im Jahresdurchschnitt 2020 einen Rückgang der Weltwirtschaftsleistung in Höhe von 4,2 Prozent und eine Erholung im Jahr 2021 um 5,6 Prozent.
  • Für Deutschland sind Rückgänge bei der Mehrheit der Verwendungskomponenten des Bruttoinlandsprodukts zu erwarten. Aufgrund der negativen Entwicklung der Absatzmärkte gehen die deutschen Exporte im Jahr 2020 um 10,3 Prozent zurück (2021: +7,1 Prozent).
  • Die geringere Binnennachfrage und der geringere Bedarf an Vorleistungsgütern aus dem Ausland machen sich bei den Importen bemerkbar. Nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen Maßnahmen zur Stützung von Einkommen und Nachfrage gehen die Importe im Jahr 2020 mit -7,1 Prozent nicht so stark zurück wie die Exporte (+6,0 Prozent im Jahr 2021).
  • Daher dürfte der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt in 2020 und 2021 sinken und spürbar unterhalb des Niveaus von 2019 verbleiben.
  • Investitionen in Ausrüstungen hängen eng mit der kapitalintensiven Exportindustrie zusammen. In Folge der pandemie-bedingten schwachen Auslandsnachfrage und der generell gestiegenen Unsicherheit gehen wir im Jahr 2020 von einem deutlichen Rückgang der Investitionen in Ausrüstungen aus (-15,8 Prozent). Mit einer allmählich einsetzenden wirtschaftlichen Erholung dürften sie im Jahr 2021 jedoch wieder anziehen (+11,9 Prozent).
  • Die Nachfrage nach Bauinvestitionen erweist sich als robust. Sie wird einerseits durch das weiter bestehende Niedrigzinsumfelds und darüber hinaus durch erhöhte Liquidität angetrieben (2020: +3,1 Prozent). Im kommenden Jahr dürften jedoch unter anderem das weiter steigende Preisniveau und die Kapazitätsengpässe seitens der Unternehmen das Wachstum dämpfen (2021: +1,8 Prozent).
  • Der Private Konsum wird im laufenden Jahr trotz der deutlichen Erholung im Zuge der Lockerung des Lockdowns um 6,9 Prozent zurückgehen.
  • Nachfragestützend wirken hingegen im Jahr 2020 weiterhin die staatlichen Konsumausgaben (+4,7 Prozent). Im Jahr 2021 werden sie von hohem Niveau aus weiter leicht ansteigen (+0,8 Prozent). Auch die Ausgaben für staatliche Anlageninvestitionen nehmen im Prognosezeitraum erst kräftig zu und konsolidieren sich im darauffolgenden Jahr (2020: +13,4 Prozent, 2021: -4,4 Prozent).
  • Der Arbeitsmarkt war in den Monaten März bis Mai stark unter Druck geraten. Im laufenden Jahr dürfte die Erwerbstätigkeit um 400 Tausend Personen zurückgehen. Besonders betroffen sind geringfügig Beschäftigte. Die Kurzarbeit war im April auf ein noch nie dagewesenes Ausmaß angestiegen (6,0 Millionen Personen), ist inzwischen rückläufig und verhindert auch weiterhin viele Entlassungen. Die Arbeitslosenquote dürfte im Jahresdurchschnitt auf 5,9 Prozent ansteigen. Am aktuellen Rand zeichnet sich eine Erholung auch am Arbeitsmarkt ab, die sich im Jahresverlauf 2021 fortsetzen dürfte (Jahresdurchschnitt 2021: Erwerbstätigkeit +160 Tausend Personen, Arbeitslosigkeit -90 Tausend Personen).

Die gesamtwirtschaftlichen Eckwerte der Interimsprojektion bilden die Grundlage für die gesonderte Steuerschätzung vom 10. bis 12. November 2020.

Eckwerte der Herbstprojektion 2020

Vewendung des Bruttoinlandsproduktes (preisbereinigt) [1]2019202020212022
Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent
Bruttoinlandsprodukt [1]0,6-5,54,42,5
Konsumausgaben privater Haushalte [2]1,6-6,94,53,4
Konsumausgaben des Staates2,64,70,8-0,4
Bruttoanlageinvestitionen2,5-3,84,83,0
- darunter Ausrüstungen 0,5-15,811,94,3
- Bauten3,83,11,82,3
- Sonstige Anlagen2,7-1,53,12,9
Vorratsveränderung und Nettozugang an Wertsachen (Impuls)-0,7-0,10,00,0
Inlandsnachfrage1,2-3,83,72,4
Exporte 1,0-10,37,15,4
Importe2,6-7,16,05,4
Außenbeitrag (Impuls) [3]-0,6-1,90,80,3
Preisentwicklung:
Konsumausgaben privater Haushalte [2]1,30,51,31,4
Erwerbstätige (Inland)45,344,945,045,3
Arbeitslose (BA)2,32,72,62,4

[1] Im Jahr 2020 beträgt das kalenderbereinigte Wachstum - 5,9 Prozent und die Jahresverlaufsrate beträgt - 4,6 Prozent;
[2] Einschließlich der Organisationen ohne Erwerbszweck;
[3] Absolute Veränderung des Außenbeitrags in Prozent des BIP des Vorjahres (=Beitrag zur Zuwachsrate des BIP).