Peter Altmaier

© BMWi/Susanne Eriksson

Die Energiewende ist das zentrale klima- und wirtschaftspolitische Projekt unserer Generation. Schon heute werden ungefähr 45 Prozent unserer Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien wie Wind, Photovoltaik oder Biogas gedeckt. Diesen Anteil bauen wir kontinuierlich weiter aus und sorgen dafür, dass der dafür nötige Ausbau der Stromnetze endlich voran geht.

Aber die Dimension der Energiewende ist ungleich größer: Wir wollen langfristig alle fossilen Energieträger durch klimafreundliche erneuerbare Energien ersetzen – nicht nur den Stromverbrauch, sondern auch Wärme und Verkehr.

Für diese riesige Aufgabe müssen wir die Energieeffizienz steigern und erneuerbare Energien konsequent ausbauen: Das sind zwei zentrale Säulen unserer Energiewende. In den vergangenen Jahren haben wir schon sehr viel erreicht. Aber um unsere Energiewende langfristig zum Erfolg zu führen, brauchen wir zusätzliche CO2-freie Brennstoffe. Ich bin überzeugt: Ohne gasförmige Energieträger können wir die Energiewende nicht schaffen. Sie sind langfristig unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende.

Die Zeit ist reif

Dabei gilt erstens: Erdgas hat eine Brückenfunktion. Energieintensive Industrien und der Gebäudebestand brauchen diesen Energieträger. Zweitens: Unsere ambitionierten Klimaschutzziele verlangen, dass der Gasbedarf langfristig durch CO2-freie beziehungsweise CO2-neutrale gasförmige Energieträger ersetzt wird. Wasserstoff wird hierfür ein Schlüsselrohstoff werden. Grüner Wasserstoff kann, anders als Batterien, als ganzjähriger Energiespeicher dienen, er kann zur Wärmeerzeugung und zur Stahlerzeugung ebenso benutzt werden wie zur Herstellung klimaneutraler synthetischer Kraftstoffe.

Die Zeit für Wasserstoff und die dafür nötigen Technologien ist reif. Sie bieten enorme industriepolitische Potenziale und können neue Arbeitsplätze schaffen. Deshalb müssen wir schon heute die Weichen dafür stellen, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird. Deutsche Unternehmen sind im Bereich der Wasserstofftechnologien bereits sehr gut aufgestellt, etwa wenn es um Elektrolyse und die Brennstoffzelle geht. Aber unsere Wettbewerber schlafen nicht – wie der Blick etwa nach China, Südkorea und Japan zeigt.

Deshalb müssen wir jetzt die Weichen für den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien stellen. Die Bundesregierung wird daher bis Ende des Jahres eine Wasserstoffstrategie beschließen. Sie schafft die notwendigen Rahmenbedingungen, um Investitionen anzureizen und klimaneutrale Wasserstofftechnologien und entsprechende Anwendungen in den Markt zu bringen.

Deutschland muss Energie importieren

Wir werden insbesondere unsere Anstrengungen in der Energieforschung entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette stärker bündeln und ausbauen. So schaffen wir eine starke Basis für künftige Erfolge. Gleichzeitig werden wir den Weg von Prototypen in den Regelbetrieb erleichtern und beschleunigen.

Ein wichtiger Schritt dafür sind die „Reallabore der Energiewende“, mit denen wir Wasserstofftechnologien fördern – und zwar nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Anwendung unter realen Bedingungen und im industriellen Maßstab. Diese befinden sich schon in der Realisierung und werden einen bedeutenden Beitrag zur Markteinführung von Wasserstofftechnologien leisten.

Um die gute Ausgangsposition im weltweiten Wettbewerb zu halten und auszubauen, brauchen wir einen „Heimatmarkt“ für die deutsche Industrie. Dies gilt sowohl für die Erzeugung von CO2-freiem oder CO2-neutralem Wasserstoff, als auch für die Verwendung.

Klar ist aber auch: Deutschland wird auch langfristig Energie importieren müssen. Und das gilt auch für Wasserstoff. Für eine erfolgreiche Energiewende brauchen wir daher internationale Partner. Die anstehende deutsche EU-Ratspräsidentschaft ist dafür eine gute Chance. Wir werden Absatzmärkte für deutsche und europäische Technologien entwickeln, Importpotenziale für nachhaltige Energieträger erschließen und Energiepartnerschaften nutzen, um mit interessierten Partnern Pilotprojekten voranzutreiben.

Wir haben in Deutschland eine gute Startposition. Es kommt jetzt darauf an, das industriepolitische Potenzial zu heben. Ich arbeite dafür, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2019