Matthias Machnig, Beamteter Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie; Quelle: Michael Voigt

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Gerade junge, dynamische Unternehmen beklagen immer wieder, das Angebot an Wagniskapital in Deutschland sei nach wie vor zu klein. Traditionell gilt die Bundesrepublik mit ihrem bankbasierten Finanzsystem nicht gerade als Hub für Risikofinanzierung. Ist Deutschland möglicherweise besser als sein Ruf? Der deutsche Venture-Finanzierungsmarkt hat sich in den Jahren 2013 bis 2015 zwar auf mehr als 3 Mrd. € vervierfacht; der US-Markt in der gleichen Zeit aber auf mehr als 50 Mrd. € verdoppelt. Im europäischen Vergleich belegt Deutschland Platz 3 hinter Großbritannien und Schweden.

Ziel der Bundesregierung ist es daher, dass schnell wachsenden innovativen Unternehmen in allen Phasen ihrer Entwicklung in ausreichendem Maße Kapital zur Verfügung steht.

Klar ist, dass das deutsche Wertschöpfungsmodell vor enormen Herausforderungen durch Digitalisierung und disruptive Geschäftsmodelle steht. Über 3 Mrd. Menschen auf der Welt sind heute im Durchschnitt 6 Stunden pro Tag online; die E-commerce-Umsätze haben sich in den letzten 15 Jahren verhundertfacht. Dennoch steht die Digitalisierung vieler Wertschöpfungsprozesse gerade erst am Anfang.

Junge, innovative Unternehmen sind oft die Treiber dieser Prozesse. Aber auch in einem so dynamischen Umfeld scheitern rund ¾ der Start-ups. 90 % der Venture-finanzierten Unternehmen werden nie Gewinne machen - andere hingegen sehr hohe. Andererseits liegen die Bewertungen der Unternehmen heute wesentlich besser als etwa kurz vor Platzen der Blase um die Jahrtausendwende.

Ein großer Fortschritt ist das Gesetz zur Weiterentwicklung der steuerlichen Verlustverrechnung bei Körperschaften. Ein Unternehmen wird in Zukunft seine Verlustvorträge nicht mehr verlieren, nur weil ein neuer Investor sich an dem Unternehmen beteiligt oder Unternehmensanteile verkauft werden. Von dieser neuen Regelung profitieren künftig auch junge, innovative Unternehmen.

In der Finanzierungsförderung setzen wir vor allem auf marktwirtschaftliche Ansätze. Beim „Pari-passu“-Ansatz finanzieren wir zusammen und zu gleichen Bedingungen mit privatwirtschaftlichen Investoren innovative Unternehmen. Nur da, wo wir echtes Marktversagen haben – beispielsweise in der frühen Seed-Phase – fördern wir darüber mit einem Zuschuss. Aktuell stehen mehr als zwei Mrd. € für Investments in Deutschland zur Verfügung. Indem wir dringend benötigtes Kapital mit öffentlichen Mitteln zur Verfügung stellen, mobilisieren wir gleichzeitig privates Kapital. Viele Fonds, die wir über die Jahre mitfinanziert haben, wären ohne die öffentliche Ko-Finanzierung zu klein geblieben und deshalb gar nicht erst aufgelegt worden. Diese doppelte Förderstrategie zahlt sich aus. Das Ziel lautet: „crowding in“ durch Verbreiterung des Marktes statt „crowding out“ des privaten Engagements!

Ein ausreichendes Kapitalangebot fehlt vor allem in der Phase, in der die Unternehmen schnell wachsen wollen und müssen. Mit der im Frühjahr 2016 gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium mit Mitteln des ERP-Sondervermögens und des Europäischen Investitionsfonds geschaffenen Wachstumsfazilität mit einem Volumen von 500 Mio. € beteiligen wir uns zusammen mit privaten Investoren an großen Finanzierungsrunden von mehreren zehn Mio. € pro Unternehmen. Wir hoffen, dass in den nächsten Jahren immer mehr großvolumige Wagniskapitalfonds aufgelegt werden.

Wenn Unternehmen erfolgreich wachsen, werden sie irgendwann auch als Kunden für Banken attraktiv. Ein Bindeglied zwischen dem Wagniskapitalmarkt und dem Bankenmarkt ist der in Deutschland noch sehr schwach entwickelte so genannte „Venture-Debt-Markt“: Ein Fremdkapitalinstrument für wachsende Start-Ups.

Das Instrument Venture Debt ist gekennzeichnet durch kurze Laufzeiten, regelmäßige Zins- und Tilgungszahlungen, erstrangige Besicherung an allen Assets eines Wachstumsunternehmen und risikogerechten Festverzinsungsvereinbarungen plus einer zusätzlichen Beteiligung des Venture-Debt-Gebers an den Wertsteigerungen der finanzierten Unternehmen. Dieser in Deutschland noch junge Nischenmarkt hat förderpolitisch dennoch eine hohe Bedeutung und ein starkes Wachstumspotenzial. Die Bundesregierung wird diese Entwicklung unterstützen. In den vergangenen Jahren haben wir uns zusammen mit dem Europäischen Investitionsfonds an ersten Venture-Debt-Fonds beteiligt. Darüber hinaus können mit dem ERP-Fondsinvestmentprogramm der KfW seit Jahresbeginn neben Venture-Capital-Fonds auch Venture-Debt-Fonds ko-finanziert werden.

Zur weiteren Stärkung dieses Marktsegmentes arbeiten wir gemeinsam mit der KfW an der Errichtung eines „Tech Growth Fund“, aus dem förderungswürdige Unternehmen in der Wachstumsphase Venture Debt für ihre Anschlussfinanzierungen erhalten können. Ziel ist es, so über mehrere Jahre zusätzliche Start-Up-Finanzierung von mehreren Milliarden Euro zu mobilisieren.

Den Erfolg junger, innovativer Unternehmen in der Wachstumsphase zu verbessern, ist wichtig um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken und wettbewerbsfähige und qualitativ hochwertige Arbeitsplätze langfristig zu sichern.

Wir werden die Marktentwicklung und die verschiedenen Formen des Kapitalbedarfs weiter sehr eng verfolgen und unser Produktportfolio im Wagniskapitalbereich an sich ändernde Anforderungen anpassen.

Quelle: Handelsblatt, 24.01.2017.