Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie; Quelle: dpa

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Die Hannover Messe, die größte Leistungsschau der deutschen und internationalen Industrie, steht ganz im Zeichen der vernetzten Produktion. In der digitalen Fabrik vereinigen sich die Vorteile der Massenproduktion mit den Ansprüchen der Einzelfertigung. Die Welt erlebt eine Art vierte Industrielle Revolution. Industrie 4.0 hat das Zeug zum Exportschlager - nicht nur als Begriff, sondern als Wertschöpfungsmaschine für die deutsche Industrie. Die Potentiale sind riesig. Ein Plus von über 250 Milliarden Euro an Wertschöpfung ist in den nächsten 10 Jahren möglich, wenn die Chancen von Industrie 4.0 konsequent genutzt werden. Hunderttausende neue Arbeitsplätze können entstehen, sagen Experten. Doch das alles bekommt Deutschland nicht geschenkt. Politik, Wirtschaft, Verbände, Wissenschaft und Gewerkschaften müssen für den gemeinsamen Erfolg an einem Strang ziehen. Und das tun wir. Mit der Plattform Industrie 4.0 haben das Wirtschaftsministerium und das Forschungsministerium gemeinsam mit der IG Metall, Industrieverbänden und zahlreichen Unternehmen ein Instrument entwickelt, das national und international einmalig ist. Wir bauen auf die gute Vorarbeit der Verbände Bitkom, ZVEI und VDMA der letzten Jahre auf.

Bei der Industrie 4.0 sind fünf Themenfelder zentral:

  1. Die Industriepolitische Dimension: Deutschland will Leitanbieter und Leitmarkt für Industrie-4.0-Lösungen werden. Unsere Startchancen dafür sind gut. Deutschland ist aktuell der Fabrikausrüster der Welt. Auf dieser herausragenden Position können wir aufbauen. Traditionelle Wertschöpfungsketten werden sich weiterentwickeln, vielleicht sogar völlig neu strukturieren. Neue Geschäftsmodelle können sich etablieren. Ingenieurkunst "Made in Germany" gepaart mit IT-Kompetenz wird die Zukunft gehören.
  2. Die beschäftigungspolitische Dimension: Industrie 4.0 bedeutet gute Arbeit, nicht menschenleere Fabriken. Es wird um Innovationen gehen, die menschliche Arbeit wertschätzen. Damit kann Industrie 4.0 einen positiven Beitrag beim demographischen Wandel leisten. Schließlich besteht langfristig sogar die Möglichkeit des so genannten Reshoring, eine Rückverlagerung von Industriearbeitsplätzen nach Deutschland im Zuge der Indsutrie-4.0-Entwicklung. Niedrige Löhne allein werden kein Argument mehr für industrielle Standortentscheidungen sein. In der Industrie 4.0 geht es um Qualitätsarbeitsplätze, deshalb werden Aus- und Weiterbildung noch wichtiger sein, als sie heute schon sind.
  3. Die Dimension der (Daten-)Sicherheit: Industrie 4.0 braucht sichere Datenübertragung. Die Anzahl von Hackerangriffen nimmt schon heute ständig zu. Werden Maschinen miteinander vernetzt oder Lieferketten digitalisiert, erhöhen sich auch die Angriffsflächen für potentielle Cyberangriffe. Es muss sichergestellt sein, dass von den Produktionsanlagen und Produkten keine Gefahren für Mensch und Umwelt ausgehen; zum anderen müssen die Anlagen und Produkte selbst vor Missbrauch und unbefugtem Zugriff geschützt werden. Entsprechend höhere Anforderungen wird es an die Datensicherheit geben müssen. Zudem erfordert Industrie 4.0 ein sehr viel proaktiveres Vorgehen in puncto Sicherheit als bisher. Bereits im Vorfeld einer Entwicklung werden Sicherheitsfragen eine herausragende Rolle spielen - nicht erst reaktiv, wenn der Entwicklungsprozess bereits abgeschlossen ist oder sogar erst nachdem es konkrete Sicherheitsvorfälle gab.
  4. Die mittelstandspolitische Dimension: Umfragen zeigen, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen noch für die Chancen und Risiken der Digitalisierung sensibilisiert werden müssen. Wo wir können, unterstützen wir den Mittelstand dabei. Aber auch hier gilt: Entweder der Mittelstand digitalisiert sich oder er läuft künftig Gefahr, digitalisiert zu werden. Und dabei denke ich vor allem an die großen amerikanischen Datenkonzerne. Noch ist die Zukunftsfrage nicht entschieden, wer künftig der Innovationstreiber sein wird: Diese Datenkonzerne oder z. B. die klassischen Automobilzulieferer und Maschinenbauer aus Deutschland? Die Plattform Industrie 4.0 ist insofern auch eine Antwort auf die Herausforderungen aus dem Silicon Valley. Die meisten Mittelständler können es sich schlicht nicht leisten, einen Arbeitsstab zu finanzieren, der sich ausschließlich mit Digitalisierung beschäftigt. Hier kann und wird die Plattform Industrie 4.0 wertvolle Hilfestellungen leisten. Mit Kompetenzzentren, Modellfabriken oder klassischen Informationsveranstaltungen werden wir eine veritable Mittelstandsoffensive starten.
  5. Die regulatorische Dimension: Hier geht es um Normen und Standards, aber auch um Wettbewerbs-, oder Haftungsrecht. Die Plattform Industrie 4.0 wird vielleicht keine eigenen Standards setzen, aber sie kann im so genannten vorwettbewerblichen Bereich viel bewegen, etwa über so genannte Referenzarchitekturen oder Anwendungsbeispiele. Auch das Wettbewerbsrecht oder das bestehende Haftungsrecht muss auf Indsutrie-4.0-Tauglichkeit abgeklopft werden.

Die Welt schaut nicht nur mit Interesse darauf, wie erfolgreich Deutschland die Energiewende durchführt, sondern auch darauf, was Deutschland in Sachen Digitalisierung industriepolitisch vorantreibt. Die Zeiten, als Industrie als etwas Altmodisches angesehen wurde, sind vorbei. Die Zeiten, in denen Deutschland für seinen relativ großen Industriesektor eher belächtet wurde, sind nicht erst seit der Finanzkrise passé. Heute spricht die halbe Welt von Re-Industrialisierung. Wir wollen, dass Deutschland industrieller Vorreiter bleibt. Deshalb machen wir Industrie 4.0 - Made in Germany. Wir werden ein deutliches Signal setzten, dass sich der Blick nach Deutschland lohnt. Bis Ende des Jahres wollen die Unternehmen deshalb 100 Leuchtturmprojekte auf der Plattform Industrie 4.0 auf den Weg bringen. Wir ziehen alle gemeinsam an einem Strang: Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Unser Ziel ist es, die Weichen so stellen, dass Deutschland eine Führungsrolle bei einer konsequenten, vertrauenswürdigen und sicheren Digitalisierung von Wirtschaften, Leben und Arbeiten einnehmen kann.

Quelle: Handelsblatt