Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär

© Jan Kopetzky

FOCUS Online: Herr Bareiß, werden wir jemals wieder so reisen können wie früher? Wird Corona Fernreisen und Kreuzfahrten auf Dauer unmöglich machen?

Bareiß: Urlaub wird dieses Jahr anders sein als sonst. Wir werden mit Einschränkungen leben müssen, mit Abstandsgeboten und Mundschutz. Ich halte Urlaub in diesem Jahr für machbar, aber wir müssen sorgfältig abwägen zwischen Gesundheitsschutz, Reiselust und wirtschaftlichen Interessen. Kreuzfahrten beispielsweise werden vorläufig wohl kaum möglich sein, zu viele Menschen zu lange auf zu engem Raum. Es gibt jedoch schon Stufenpläne dafür, wie es in diesem Segment in den nächsten Jahren weitergehen kann. Wir dürfen auch die Probleme von Busunternehmen nicht vergessen, die erheblich von der jetzigen Situation betroffen sind.

FOCUS Online: Wie sieht es mit Langstreckenflügen aus?

Bareiß: Da gibt es noch viele offene Fragen. Manche Experten sind davon überzeugt, dass das Problem lösbar ist. So können die Klimaanlage und der schnelle Luftumschlag offenbar vor einer Virenausbreitung im Flugzeug schützen. Ich hielte es aus vielerlei Gründen, auch kulturellen und politischen, für schädlich, wenn in den nächsten Monaten etwa keine Transatlantikflüge möglich wären. Die Menschen werden sich gerade beim Urlaub wahrscheinlich eher auf kürzere Distanzen konzentrieren, und dabei werden die individuelle Mobilität und das Auto wieder eine größere Bedeutung haben. Das vermeidet Kontakte und gibt ein Gefühl von Sicherheit. Ich bin zuversichtlich, dass Sommerurlaub in Deutschland und auch in den europäischen Nachbarländern möglich sein wird.

FOCUS Online: Und darüber hinaus?

Bareiß: Wir arbeiten gerade auf europäischer Ebene, aber auch innerhalb der Bundesregierung an Konzepten, wie sicheres Reisen zukünftig möglich ist. In den letzten Wochen hat sich ein intensiver Austausch mit meinen EU-Kollegen ergeben. Trotz Reisebeschränkungen habe ich den Eindruck, dass wir etwas zusammengerückt sind. Uns eint der verantwortungsvolle Umgang mit dem Virus, aber zugleich auch der Wunsch nach einem wirtschaftlichen Hochfahren der Tourismusbranche.

FOCUS Online: Welche konkreten Aussichten gibt es für Reisen, die auch etwas weiter weg führen?

Bareiß: Griechenland zum Beispiel ist hier schon sehr weit und bereitet sich akribisch auf die nötigen Sicherheitsvorkehrungen vor. Spanien hingegen hat noch stark mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen. Wir beobachten die Entwicklung wöchentlich, und die ersten spürbaren Erleichterungen kommen ab dem 15. Juni. Darüber hinaus haben wir die starken Reiseziele außerhalb der EU im Blick. Zum Beispiel Ägypten oder Tunesien. Aber auch die Türkei ist ein beliebtes Reiseziel. Ohne zuviel Hoffnung zu machen, aber ich vertrete die Auffassung - wenn diese Länder ähnliche Erfolge bei der Pandemiebekämpfung haben wie Europa, sehe ich keinen Grund, warum man an den harten Maßnahmen festhalten muss.

FOCUS Online: Wird die gefühlte Bedrohungslage die Reiselust der Deutschen dauerhaft dämpfen?

Bareiß: Realistisch betrachtet, wird es schon etwas Zeit brauchen, bis die ursprünglichen Werte wieder erreicht werden. Ich bin aber überzeugt, der langfristig positive Trend bleibt. Das Bedürfnis zu reisen, andere Länder und Kulturen zu erleben, bleibt. Reisen entspannt nicht nur, es bildet bekanntlich und dient der Völkerverständigung. Ich selber habe bei jeder meiner Reisen, ob zum Beispiel nach Asien oder Amerika, immer viel gelernt und meinen Horizont erweitert. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie eine Welt aussieht, in der die Menschen auf solche Erfahrungen verzichten müssen. Darüber hinaus hat das Reiseland Deutschland noch viele Möglichkeiten.

FOCUS Online: Wenn die Deutschen nun ihr liebstes Reiseland, Deutschland, noch intensiver bereisen, könnten dann Engpässe entstehen?

Bareiß: Klar sind Engpässe nicht auszuschließen. Aber wir haben einen sehr transparenten Markt, und die Experten vor Ort reagieren sehr flexibel und schnell. Bei besonders attraktiven Anziehungspunkten müssen natürlich Abstandsregeln eingehalten werden. Da braucht es gute Konzepte. Demgegenüber werden aber auch Reisende dieses Jahr fehlen. So hatten wir im letzten Jahr über 30 Millionen ausländische Gäste. Die fallen dieses Jahr größtenteils aus.

FOCUS Online: Wird die Tourismusbranche deshalb die Preise erhöhen, um erlittene Einkommenseinbußen auszugleichen?

Bareiß: Es ist Sache der Anbieter, dies abzuwägen. Aber ich hoffe, dass Reisen auch zukünftig für jeden Geldbeutel bezahlbar bleibt.

FOCUS Online: Ferienwohnungen und -häuser dürften als Unterbringungsmöglichkeiten mehr gefragt sein, weil sie Privatheit und Schutz versprechen. Wie sieht es aber mit dem Hotelangebot aus? Welche Veränderungen werden da nötig sein?

Bareiß: Das ist in der Tat ein Problem. Denken Sie allein daran, dass viele Hotels und Ferienanlagen in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in Wellness-Angebote investiert haben. Diese wieder zu öffnen, ist derzeit eine Herausforderung. Auch Freizeitparks werden die Anzahl ihrer Besucher begrenzen müssen. Ich bin aber zuversichtlich, dass unsere Unternehmen die Innovationskraft besitzen, sich neue Angebote zu überlegen, die die veränderte Situation berücksichtigen.

FOCUS Online: Braucht der deutsche Tourismus für das Inlandsgeschäft Impulse wie einen Reisegutschein für finanziell nicht so gut gestellte Urlauber, den der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sich vorstellen könnte?

Bareiß: Wir müssen jetzt alle Maßnahmen abwägen, die hilfreich sein können. Die Nachfrage nach Deutschland-Urlaub aus dem Inland dürfte aber eher steigen, nicht sinken. Insofern zielt der bayerische Vorschlag eher auf sozialen Ausgleich denn auf Staatsunterstützung für Unternehmen. Den vielen mittelständischen Unternehmen im Tourismus wäre vor allem geholfen, wenn wir Abgaben, Steuern aber auch Bürokratie allgemein senken. Das hilft langfristig. Da müssen wir ran. Die sieben Prozent auf Speisen für die Gastronomie waren da ein erster wichtiger Schritt.

FOCUS Online: Wie soll es mit der Staatshilfe jetzt weitergehen?

Bareiß: Die bestehenden Hilfspakete haben geholfen. Allerdings müssen wir jetzt den Fokus auf die Unternehmen richten, die länger von der Krise betroffen sind. Wir arbeiten an einem Notfallhilfsfonds, der allen Unternehmen, die jetzt länger einen erheblichen Umsatzverlust verkraften müssen, offen stehen wird. Davon werden Gastronomie, Hotels, Messe- und Kongresswirtschaft oder beispielsweise Schausteller profitieren. Die besonders schwere Betroffenheit der Reisebüros und Reiseveranstalter haben wir im Blick.

FOCUS Online: Wie steht es um ihren eigenen Urlaub in diesem Jahr?

Bareiß: Ich habe zu meinem großen Bedauern bereits auf den sonst üblichen Skiurlaub verzichten müssen, der mir immer viel Kraft gab. Wie es weitergeht, habe ich wie viele andere Kunden zunächst abgewartet. Nun braucht es aber auch ein Ziel für den Sommer, auf das ich hinarbeite. Meine Frau möchte dieses Jahr in Deutschland an der Nordsee Urlaub machen. Mich zieht es in die Berge. Vermutlich wird sich meine Frau durchsetzen.

Quelle: Focus Online vom 27.05.2020