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Artikel - Einzelhandel

Dialogplattform Einzelhandel

Einleitung

Demografischer Wandel, geändertes Verbraucherverhalten, technologische Neuerungen, Digitalisierung - nicht erst seit Corona befindet sich der Handel in einem nachhaltigen Strukturwandel. Aber die Corona-Pandemie hat diesen Wandel erheblich beschleunigt. Um in diesem Strukturwandel neue Perspektiven aufzuzeigen, einer Verödung der Innenstädte und einer Unterversorgung im ländlichen Raum entgegenzuwirken, hat das Bundeswirtschaftsministerium die Dialogplattform Einzelhandel entwickelt.

Runder Tisch zu Innenstädten

Lebendige Innenstädte, innovativ handeln

Innenstädte wiederbeleben

© Illustratior Mario Wagner

Um den durch Corona beschleunigten Strukturwandel und seinen Auswirkungen auf unsere Innenstädte zu begegnen, hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am 20. Oktober 2020 zu einem Runden Tisch eingeladen. In einem kleinen Kreis sollen Expertinnen und Experten aus Handel, Logistik und Kultur mit Citymanagerinnen – und managern sowie Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern innovative Konzepte erarbeiten, wie Innenstädte auch in Zukunft attraktiv und lebenswert gestaltet werden können.

Es gibt gute Ansätze und Beispiele, wie innovative, multifunktionale und kreative Konzepte die Innenstädte neu beleben können. Im Folgenden stellen wir Ideen vor.

Mönchengladbach verknüpft verschiedene Vertriebskanäle („Multi-Channel“), um die Innenstädte neu zu beleben: Durch einen Click & Collect-Service sollen Onlinehandel und stationäres Einkaufen miteinander verzahnt werden. So kann online bestellte Kleidung an einem zentralen Ort in der Innenstadt anprobiert, mitgenommen oder direkt zurückgeschickt werden. Dieser Ort kann bei der Online-Bestellung direkt als Lieferadresse analog zu Paketstationen ausgewählt werden. Das Einkaufserlebnis steht dabei im Fokus. Gleichzeitig sollen die Kundenfrequenz in Mönchengladbachs Innenstadt erhöht und der stationäre Handel durch ergänzende lokale Käufe gestärkt werden. Ein weiteres Plus: Paketfahrten in die Wohngebiete reduzieren sich.

Der Solinger Stadtteil Ohligs setzt auf gezieltes, kooperatives Stadtteilmarketing durch die Zusammenarbeit mit allen Vertreterinnen und Vertretern der Funktionsbereiche Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Ausgehen. Das Ziel: Bürgerinnen und Bürger sowie Besucherinnen und Besucher sollen sich mit „ihrem“ Stadtteil identifizieren. Das Motto „Zusammen sind wir mehr als die Summe unserer Teile“ bildet dabei die kommunikative Klammer der „Gemeinschaftsmarke Ohligs“. Es geht darum, gemeinsam für den Stadtteil zu werben, Positives herauszustellen und Neues zu entwickeln.

Innenstadtentwicklung und Stadtmarketing besser verzahnen – das ist das Ziel vom Bürgernetzwerk Bensheim, das sich 2018 gegründet hat. Es hat acht Säulen definiert, um die Innenstadtentwicklung in Bensheim voranzutreiben. Mit dem Netzwerk sollen wichtiges Know-how und Visionen aus der Praxis weitergegeben und zeitnah umgesetzt werden. So wurde im Juni 2020 eine Stadtmarke mit einer passenden Innenstadtkampagne lanciert. Darüber wird die Innenstadt durch verschiedene Aktionen, wie Lichtinstallationen, aufgewertet und die Verweildauer durch attraktive Angebote, wie verbesserte Spielplätze, erhöht. Das neue Innenstadtmarketing soll zudem zeitnah in eine passende Organisationsstruktur umgesetzt werden.

Eine Internet-Plattform vernetzt lokale Gewerbetreibende und stärkt dadurch die (digitale) Nachbarschaft. Gerade während der Corona-Pandemie bildete sie mit einer Initiative zur Unterstützung von betroffenen Unternehmen eine breite Allianz, um den internationalen Online-Playern und Aktionstagen ein lokales Gegengewicht entgegenzusetzen. Die Initiative dient auch als Anlaufstelle für Fort- und Weiterbildung lokaler Gewerbe rund um das Thema Digitalisierung. Mit eigenen Aktionen wie Rabatt-Gutscheinen sollen gezielt Konsumenten-Anreize gesetzt werden.

Durch Kunst und Kultur im öffentlichen Raum versucht Nürnberg regelmäßig gezielte Besuchsimpulse im Innenstadtbereich zu setzen. Das schafft Anlässe, sich zu treffen und gemeinsam etwas zu erleben. Seit 2018 unterstützt die Stadt die Kooperation des Handels mit der traditionsreichen Internationalen Orgelwoche. Im ihrem Rahmen findet zum Beispiel die Lange Einkaufsnacht des Handels mit einem gemeinsamen künstlerischen Programm statt. Dieses Format führt dazu, dass die bislang auf Kirchen beschränkten Darbietungen auch in die Geschäfte und den öffentlichen Raum getragen, und dadurch neue Besuchergruppen erschlossen werden.

Hamburg inszeniert die Innenstadt als zentralen Ort des Treffens und des Erlebens und setzt dabei auf Tradition. So dient der Jungfernstieg mit der Binnenalster in der Vorweihnachtszeit seit bereits 35 Jahren als Kulisse für die „Hamburger Märchenschiffe“. Auf den Schiffen bietet das City Management verschiedene Aktionen und Attraktionen an, insbesondere für Kinder. Damit unterstreicht die Stadt den Erlebnis- und Freizeitcharakter der Innenstadt.

Im Saarland setzt ein Unternehmen auf Gutscheine als neue Währung. Diese können über eine App erworben, und vor Ort in den Städten und Gemeinden eingelöst werden. Mit den Gutscheinen werden zum einen lokale Händler und Gastronomiebetriebe gefördert und gegenüber den großen Onlinehändlern gestärkt. Gleichzeitig profitieren die Innenstädte durch die Kundenfrequenz. Besonders zielt die Gutschein-Idee auf Unternehmen ab, die durch den steuerfreien 44-Euro-Sachbezug die Kaufkraft ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigern wollen.

Südtirol nutzt das Instrument der digitalen Stadtentwicklung („Smart City“), um die Innenstädte besser zu erschließen. Eine systematische Nutzung von Daten unterstützt dabei, Rückschlüsse auf zukünftige Frequenzen und Kundenströme zuziehen. Dadurch ist ein verlässlicher Indikator für die derzeitige und in Zukunft zu erwartende Attraktivität einzelner Einkaufsstraßen geschaffen worden. Diese Simulationen können sowohl für Entscheidungen und Vorhaben der Kommunen nützlich sein, wie auch für einzelne (Handels-)Betriebe, die sich in den Orten ansiedeln oder weiterentwickeln möchten.

Onlineplattformen mit Marktplatzcharakter ermöglichen es Verkäuferinnen und Verkäufern jeder Größe, darunter hauptsächlich kleinen Unternehmen, ihr Geschäft auszubauen und neue Käuferinnen und Käufer online zu erreichen – unabhängig von Größe oder geografischer Lage. Diese kleinen stationären Händlerinnen und Händler können durch die Online-Präsenz Käuferinnen und Käufer regional, landesweit und weltweit erreichen. Da insbesondere kleine Unternehmen von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen wurden, hatte sich ein großer Online-Marktplatz dazu entschlossen, diese gezielt zu unterstützen. Ein Soforthilfeprogramm für kleine Unternehmen und lokale Händler startete im März 2020 und läuft noch bis Ende des Jahres. Die Soforthilfe umfasst unter anderem einen kostenlosen Shop und kostenlosen Kundenservice für sechs Monate.

Ein kostenloses Unternehmensprofil bei einem großen Suchmaschinenanbieter bietet Einzelhändlern die Möglichkeit, ihre Geschäfte online sichtbar zu machen und ihren Kundinnen und Kunden die Informationen zur Verfügung zu stellen, die für einen Einkauf in der Innenstadt wichtig sind. So können Geschäfte ihre Produkte direkt im Unternehmensprofil präsentieren, damit Kundinnen und Kunden diese online entdecken, Verfügbarkeiten prüfen und im Anschluss vor Ort erwerben können. Darüber können auch alle wichtigen Informationen mit der Kundschaft geteilt werden, wie Öffnungszeiten, aktuelle Angebote, Sonderaktionen oder Eindrücke vom Laden.

Ein großer Onlineversandhandel bietet stationären Einzelhändlern die Möglichkeit, sich mit der Online-Plattform zu verbinden. So haben die teilnehmenden Händler die Möglichkeit, ihre Produkte direkt an die Kunden des großen Anbieters online zu verkaufen. Die lokale Sichtbarkeit der stationären Händler wird zusätzlich unterstützt. Damit jeder Händler mit relevantem Sortiment teilnehmen kann, ist die Anbindung unkompliziert und kostengünstig gestaltet. Für den Händler ergibt sich über einen indirekten Effekt ein noch größeres Potenzial: Weil die Online-Umsätze des Händlers den Lagerumschlag signifikant erhöhen, kann er sein Sortiment während der Saison mehrmals erneuern. Das Ergebnis: Frischere Sortimente - und damit ein Grund für Kunden, häufiger vorbeizuschauen.

Um Digitalisierung, demografischen Wandel, Wettbewerb und Covid19 etwas entgegensetzen, stellen sich die Kölner Veedel (Stadtquartiere) und ihre Anbieter quartiersübergreifend digital auf. Dabei wird auf die Identifikation der Kölnerinnen und Kölner mit ihrer Stadt gesetzt. Konkret bedeutet dies: es wird pro Veedel online eine Anlaufstelle geschaffen, die jeweils miteinander verzahnt sind und über die die lokalen Akteure im Stadtteil öffentlich präsentiert und mit der Kundschaft vernetzt werden. Ergänzend gibt es Möglichkeiten für eigenen E-Commerce sowie ein lokales Bindungsprogramm, mit dem lokale Treuepunkte vergeben werden können. Startpunkt für den öffentlichen Launch ist Herbst 2020.

Potenziale des Einzelhandels

Online-Handel gewinnt rasant an Zuwachs

Der Online-Handel ist aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken – und wächst mit zweistelligen Wachstumsraten. Er beeinflusst die Einzelhandelsstandorte schon heute messbar. Die Umsätze im stationären Handel gehen zurück. Stationäre Händler und Kommunen sind zunehmend verunsichert. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Bild unserer Städte und auf die Versorgung der immer älter werdenden Bevölkerung in ländlichen Regionen.

In der Trendfortschreibung bis 2020 wird der Handel stationär nur noch 78 Prozent der Umsätze des Einzelhandels im engeren Sinne generieren können. Durch zunehmende Multi-Channel-Aktivitäten werden die einzelnen Kanäle verschmelzen und die Trennung online und offline sukzessive aufgehoben. Da der Online-Handel wächst, der Gesamtmarkt aber weitgehend stagniert, befindet sich der gesamte Einzelhandel aktuell in einem Verdrängungswettbewerb. Corona wirkt bei diesem Vorgang wie ein Brandbeschleuniger und beschert dem Online-Handel große Zuwächse. Ein Zurück wird es nicht geben, denn viele Menschen haben die Annehmlichkeiten des Online-Einkaufens während der Geschäftsschließungen kennen und schätzen gelernt.

Vor Corona gaben nach Befragungsergebnissen des IFH geben 38 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher an, durch zunehmende Online-Käufe weniger in die Innenstädte zu fahren. Und 27 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher fahren deshalb weniger in die Randgebiete. Diese Zahlen haben sich durch Corona nochmal erhöht und das wirkt sich auch auf die Zahl der Verkaufsstellen aus.

Vier Zahlen zum Wandel im Einzelhandel

83
Symbolicon für Geldscheine

Prozent des Umsatzes
generierte der Nonfood-Einzelhandel im Jahr 2015 stationär

23,3
Symbolicon für Lastenwagen

Prozent der Umsätze
im Nonfood-Einzelhandel wird der Online-Handel laut einer Prognose 2020 erzielen

38
Symbolicon für Haus mit Tür

Prozent der Verbraucher
geben an durch den Online-Handel weniger in die Innenstädte zu fahren

14
Symbolicon für Tortendiagramm

Prozent aller Erwerbstätigen
in Deutschland arbeiten im Handel

Arbeit und Ziele der Dialogplattform

Neue Perspektiven und Chancen für den Einzelhandel schaffen

Mit der Dialogplattform Einzelhandel unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium den Einzelhandel auf dem Weg in die Digitalisierung. Über zwei Jahre hinweg wurden gemeinsame Lösungsansätze zur Bewältigung des Strukturwandels erarbeitet.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hatte 2015 wegen der großen Herausforderungen durch den Strukturwandel das Projekt „Dialogplattform Einzelhandel“ ins Leben gerufen.

Die mit den betroffenen Akteursgruppen, also Unternehmen und Verbänden, Wissenschaft, Gewerkschaft, Bund, Ländern und Kommunen in 16 Workshops entwickelten Lösungsansätze sind heute noch gültig.

Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel

Eines der Ergebnisse ist das vor einen Jahr vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gegründete Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel. Das Kompetenzzentrum Handel soll kleine und mittlere Unternehmen, die keine eigene „Digital-Abteilung“ haben, in die Lage versetzen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und den stationären Verkauf durch digitale Angebote zu ergänzen. Das Kompetenzzentrum Handel bietet den Händlern eine große Bandbreite an Informationen und Informationskanälen, Workshop-Formaten und Webinaren.

Der Beirat wurde 2019 gegründet als ein unabhängiges Beratungsgremium, das aus Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft sowie Wirtschaftsförderern besteht. Geleitet wird der Beirat von Dr. Sabine Hepperle, Abteilungsleiterin Mittelstandspolitik im Bundeswirtschaftsministerium.

Computerchip zum Thema Digitalisierung

© Raimundas/stock.adobe.com

Den digitalen Wandel gestalten

Zum Artikel

Dialogplattform Einzelhandel


Lösungen gemeinsam entwickeln

Wie kann der Einzelhandel mit der Zeit gehen, ohne dass die Vielfalt in den Innenstädten und die Versorgung in ländlichen Räumen darunter leiden? Die Dialogplattform Einzelhandel hat trotz Strukturwandel neue Perspektiven und Chancen ausgemacht.

Kern der Dialogplattform Einzelhandel waren fünf Workshop-Reihen mit jeweils zwei bis vier Workshops zu unterschiedlichen Themen. Zu jedem einzelnen Workshop wurden Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, Gewerkschaft, Verbänden, Kammern, Städte und Gemeinden, Bund und Ländern sowie aus der Wissenschaft eingeladen. Das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln koordinierte die Dialogplattform im Auftrag des BMWi auf prozessualer und inhaltlicher Ebene und begleitete das Gesamtprojekt analytisch.

Durch Einbindung verschiedenster Akteursgruppen wurde gewährleistet, dass die erarbeiteten Lösungsvorschläge für dieses gesellschaftlich komplexe Thema von möglichst vielen Akteuren unterstützt werden. Die Resultate der zahlreichen Workshops wurden am 6. Juni 2017 im Rahmen der Veranstaltung “Neue Perspektiven für den Einzelhandel“ präsentiert.

Die Ergebnisse im Überblick

Die Handlungsempfehlungen der Dialogplattform Einzelhandel schlagen unter anderem Modellprojekte vor, bei denen Kooperationen zwischen Handelsunternehmen eingegangen werden. Hierbei könnten unter anderem Personal und Fläche gemeinsam genutzt und somit Kosten gesenkt werden. Außerdem sollen Kooperationen mehrerer Gemeinden eine wirtschaftlich tragfähige Nahversorgung sichern, indem beispielsweise Kleinkaufhäuser eingerichtet und Dienstleistungsanbieter einbezogen werden.

Die immer noch gültigen übergeordneten Ergebnisse aus der Dialogplattform Einzelhandel sind in der Broschüre „Neue Perspektiven für den Einzelhandel“ dokumentiert, die Sie hier herunterladen können.

Pressemitteilungen

  • 20.10.2020 - Pressemitteilung - Einzelhandel

    Altmaier: „Innenstädte sollen wieder Lieblingsplätze werden“

    Video Audio

    Öffnet Einzelsicht
  • 24.08.2020 - Pressemitteilung - Einzelhandel

    Mittelstandsbeauftragter Bareiß: „Stehe im engen Dialog mit HDE, um Einzelhandel fit für die Zukunft zu machen“

    Öffnet Einzelsicht
  • 29.04.2020 - Gemeinsame Pressemitteilung - Einzelhandel

    Erfolgreicher Retail Hack: Kreative Konzepte für den Handel und die Innenstädte

    Öffnet Einzelsicht
  • 07.10.2019 - Pressemitteilung - Mittelstand digitalisieren

    Staatssekretär Nußbaum: „Kompetenzzentrum Handel unterstützt Mittelstand beim Thema Digitalisierung im Einzelhandel“

    Öffnet Einzelsicht
  • 01.07.2019 - Gemeinsame Pressemitteilung - Digitalisierung

    Altmaier: „Kompetenzzentrum Handel startet am 1. Juli und unterstützt kleine Händler bei der Digitalisierung“

    Öffnet Einzelsicht
Frau dekoriert Schaufenster einer Modeboutique, symbolisiert Dialogplattform Einzelhandel; Quelle: Getty Images/Hero Images