Ablauf

Am 24.03.2021 fand der zweite Workshop der an den runden Tisch Innenstädte anschließenden Veranstaltungsreihe des BMWi zur Wiederbelebung der Innenstädte statt. Nach der Begrüßung durch BMWi wurden drei Best-Practice-Beispiele aus der Kultur, der Reisebranche sowie Freizeit und digitale Attraktionen vorgestellt. Anschließend führte Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung Köln, in die Diskussion ein, die sich an Erkenntnissen der Studie „VITALE INNENSTÄDTE 2020“ orientieren sollte, wonach Einkaufen nach der Freizeitgestaltung erst an zweiter Stelle der Gründe steht, warum Menschen in die Innenstadt kommen.

In zwei Arbeitsgruppen im Design-Thinking-Format wurden unter der Moderation durch Boris Hedde, und Frank Rehme, Geschäftsführer des Mittelstand 4.0- Kompetenzzentrums Handel, Ansätze erörtert, wie die Bereiche „Erlebnis und Entertainment“ sowie „Convenience und Bedarfe“ wieder stärker in die Innenstadt integriert werden können. Die Ergebnisse wurden anschließend in gemeinsamer Runde vorgestellt.

Ergebnisse

Von den vielen spannenden Ideen, die für verschiedene Wirtschaftszweige und Zielgruppen vorgestellt wurden, möchten wir an dieser Stelle einige exemplarisch aufführen.

Insbesondere zum Thema Erlebnis und Entertainment wurden viele hilfreiche Vorschläge eingebracht, die den Besuch in der Innenstadt wieder attraktiver gestalten können. Kultur, Kunst, Bildung und Sport sind dabei die unverzichtbaren Faktoren zur Wiederbelebung der Innenstadt. Neben vielen Ideen zu Innenstadtevents, Sport- und Freizeitaktivitäten wurden auch Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche thematisiert. Aktivitäten wie digitale Schatzsuche (Geocaching als moderne Schnitzeljagd per GPS-Signal), escape rooms, Spy-Museum (das die Kunden mit kniffligen Aufgaben anlockt), Zoo-Schulen, kleine Kinos und Bowlingcenter oder Showcooking erfreuen sich immer einer großen Beliebtheit und sind prädestiniert, um die Innenstadt mit Familien und Jugendlichen zu füllen. Solche Events können auch sehr gut für Geburtstagsfeiern, Firmenfeiern oder andere Feste genutzt werden.

Innovative Konzepte im Sportbereich haben eine Magnetwirkung auf Jugendliche und Sportbegeisterte. Dazu gehören insbesondere die neuen Trendsportarten wie Parkour, Streetfootball, Squash, aber auch Indoor-Surfen oder attraktiv und innovativ gestaltende Minigolfanlagen oder Kletterwände. Viele leerstehende Ladenflächen lassen sich mit wenig Aufwand für solche Nutzungen umfunktionieren. Als Beispiel wurde ein leeres Supermarktgebäude genannt, in dem nun ein hoch frequentierter Skaterpark untergebracht ist.

Um eine junge Zielgruppe auch für Musik und Kunst frühzeitig zu begeistern, können z.B. junge Musiker Kindern und Jugendlichen den Umgang mit Musikinstrumenten näherbringen und zum Ausprobieren anregen. Büchereien können in gemütliche Wohlfühlambiente zum Verweilen einladen. Lesekreise und Theaterschulen können die Kinder in die Märchen- und Schauspielwelt entführen. Innenstadtfestivals oder Livemusik erfreuen sich immer großer Beliebtheit bei unterschiedlichen Zielgruppen und Innovationen wie Silentdisco (in der die Besucher auch mit einem DJ Musik über Kopfhörer hören und einer Lärmbelästigung in der Nachbarschaft vorbeugen) oder Instagrammuseum (das instagramtaugliche Fotokulissen anbietet) sind bei Jugendlichen ebenfalls gefragt.

Dies alles wird durch die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen und familienfreundlichen Kinderbetreuungsangeboten die Frequenz in Innenstädten verstärken und die Qualität des Innenstadtaufenthalts für Familien verbessern. Weitere Lösungen sind in Einkaufszentren denkbar (Kita-Kunst-Galerie zum Mitmachen), aber auch Spielflächen in den Straßen (z.B. umgewidmete Parkplätze) und Läden selbst, die Platz und Raum für Kinder bieten. Zugleich können freie Räume und Flächen für gemeinnützige Bildungs- und Kunstprojekte mit und für Kinder und Jugendliche sowie die ganze Familie geöffnet werden (social pop-ups). Neben innovativen kommerziellen Pop-up-Stores sind auch soziale sinnvoll und wünschenswert – wie z.B. Blutspendestationen oder Verkauf von handwerklichen Produkten von Langzeitarbeitslosen.

Neben einem breiten Angebot für Kinder – begleitet von einem abwechslungsreichen außerschulischen Bildungsangebot – können auch andere Faktoren die Aufenthaltsqualität erhöhen. Dies reicht von Radwegen über sichere Abstell- und Lademöglichkeiten für E-Fahrzeuge über ästhetisch schönere Sitzbänke bis zur Schaffung einer ausreichenden Anzahl öffentlicher Toiletten. Wichtig bleibt bei alledem ein ganzheitliches Management.

Um die Sichtbarkeit des Handwerks und das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung für die dort stattfindende Wertschöpfung zu erhöhen, können Manufakturen und Schauwerkstätten ein probates Mittel sein. Beispiele in Wien, aber auch in Gelsenkirchen, Bochum und Herne zeigen, dass urbane Produktion möglich ist.

Um Events auch in den Ortskernen zu ermöglichen, braucht es eine leistungsfähige Infrastruktur, die die Durchführung von Veranstaltungen innerhalb kurzer Zeit nach dem Prinzip Plug & Play ermöglicht. Dafür ist erforderlich, dass Anschlüsse für Strom und Wasser bereits im Straßenmobiliar eingebaut sind und nicht für jede Veranstaltung neu beantragt und auf dem Pflaster neue Kabel und Rohre verlegt werden müssen. Dies erleichtert phantasievolle auch nicht-kommerzielle, neue Konzepte, die sonst von technischen Hürden und langen Antrags- und Genehmigungsverfahren behindert werden. Es wurde betont, dass die Leichtigkeit und „Playfulness“ in den Städten gesteigert werden müssen.

Dabei sind auch Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen, die gerade für jüngere Besucherinnen und Besucher immer wichtiger werden. Beispielsweise, indem Orte zur Reinigung und Rückgabe von (Pfand-) Geschirr bereitgestellt werden. Solche Maßnahmen könnten auch mit Wochenmärkten verbunden werden. Innenstädte können zudem Raum für regelmäßige Kunst- und Kulturveranstaltungen sein, die die Identifikation der örtlichen Bevölkerung mit ihrer Stadt fördern und gleichzeitig als Besuchermagnet positive Effekte auch auf weitere innerstädtische Unternehmen haben können.

Schließlich kann auch eine Bürgerbeteiligung in Form eines Ideenmarktplatzes ins Leben gerufen werden, wo junge Leute und Familien ihre eigenen Ideen einbringen können.

Damit kleine Feste und Festivals auch kurzfristig möglich sind und damit kreative Ideen schnell und risikoarm ausprobiert werden können, sind administrative Rahmenbedingungen notwendig. Das Citymanagement muss dafür in vielen Kommunen mit mehr Entscheidungskompetenz ausgestattet werden, damit gerade auch junge Menschen bei ihren Versuchen, neue Konzepte zu etablieren, unterstützt und nicht übermäßig durch Bürokratie eingeschränkt werden.

Am Ende der sehr lebhaften und engagierten Diskussionen erklärte der Vertreter des German Council of Shopping Places, einen jährlichen „Förderpreis lebendige Innenstadt“ ausloben zu wollen für neue, unkonventionelle Lösungen. Mit der Preisverleihung könne dieses Jahr schon begonnen werden. BMWi stellte in Aussicht, dass hierfür der Bundeswirtschaftsminister sicher gerne die Schirmherrschaft übernehmen werde.