Navigation

18.09.2015 - Rede - Digitalisierung

Rede von Prof. Rupert Stadler, CEO Audi AG, auf der Konferenz zur digitalen Transformation in Kreativwirtschaft, Handel und Mobilität

Einleitung

Es gilt das gesprochene Wort!

  • Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich bin Bayer und sie müssen jetzt noch ein bisschen aushalten - sich konzentrieren und ich spreche über das Automobil; bin etwas heiser. Das kommt wahrscheinlich von der IAA, weil wir halt doch viele Gespräche geführt haben.

Meine Damen und Herren,
ich sage Ihnen: Dieser Kongress, der kommt genau zur richtigen Zeit. Nämlich erst gestern haben wir mit Frau Dr. Merkel die Internationale Automobil-Ausstellung eröffnet. Und die Digitalisierung und damit das Automobil als das doch größte Mobil Device ist in aller Munde. Wir haben bei uns auch in unserer Unternehmensstrategie darüber gesprochen: The car gets bigger than the car. Das heißt: Das Auto wird über sich hinauswachsen. Und wenn wir diesen Anspruch nicht definieren, werden wir Schlusslicht sein. Aber da wir das nicht sein wollen, haben wir gesagt: Wir gehen in die Leadership. Die Medien diskutieren tagtäglich Chancen, aber natürlich auch mögliche Risiken und Ängste. Und mit Google stellt sich ein Branchenriese für die Zukunft neu auf und schickt sich an, das uns bekannte Alphabet offenbar neu zu buchstabieren. Digitalisierung von A bis Z sozusagen. In den USA strömt insgesamt so viel Wagniskapital in Startups wie seit dem Platzen der Dot-Com-Blase nicht mehr. Allein im ersten Quartal 2015 waren es mehr als 13 Milliarden Dollar. Und bei aller Silicon-Valley-Euphorie dürfen wir die Geschwindigkeit, aber auch die Größe chinesischer Spieler wie Alibaba, Bydo, Tencent und so weiter nicht unterschätzen. Auch das spüren wir tagtäglich in unseren Partnerschaften in China. Sie alle haben destruktive Kraft, und zwar unsere Geschäftsmodelle grundlegend zu verändern. Deutschland ist nicht ganz so eifrig. Berlin zählt zwar zu den Top-Ten-Adressen für Start-ups weltweit. Bei den Gründungsaktivitäten der Gesamtbevölkerung liegen wir unter den innovationsbasierten Volkswirtschaften allerdings auf dem abgeschlagenen Platz. In Europa ist Deutschland sogar Schlusslicht. Können wir uns das leisten? In unserem Land geht es seit Jahrzehnten - Gott sei Dank - ökonomisch kontinuierlich bergauf oder ich sage mal: sehr gut. Doch Sie wissen genau wie ich: Erfolge gibt es niemals im Abonnement. Man muss ihn sich immer wieder neu hart erarbeiten oder wie gerade auch rüberkam - erkämpfen. Und Zurücklehnen und Ausruhen - das ist keine Management-Aufgabe. Ein Großteil der künftigen Früchte wächst auf dem Feld der digitalen Wirtschaft. Und das betrifft weit mehr als Laptops und Wi-Fi-Hotspots. Ein aktuelles Audi-Modell zum Beispiel ist schon heute mit 5.000 Computerchips an Bord das größte Mobil Device. Und 2020 wird die Hälfte der Wertschöpfung im Automobil und um das Auto herum digital sein. Das bringt großes Potenzial und neue Wachstumschancen mit sich. Und es gilt, jetzt zügig und schnell dafür die richtigen Weichen zu stellen. Für unsere Unternehmen bedeutet das vor allem, die richtigen Kompetenzen aufzubauen. Automobilhersteller werden - ob wir es wollen, oder nicht - mehr und mehr zu IT-, aber auch zu Software-Unternehmen. Und dafür holen wir uns Know-how-Träger an Bord. Digitale Bildung über alle Altersgruppen hinweg wird ein entscheidender künftiger Erfolgsfaktor auch in unserem Land, wo wir viele Standorte beheimaten.

Die deutsche Autoindustrie hat eine sehr gute Ausgangsposition im Zeitalter der Bits und Bytes. Nehmen Sie das pilotierte Fahren: Die Hersteller hierzulande - und Audi allen voran - führen dieses Thema wirklich an, denn wir haben es als die Durchbruchstechnologie für modernste Mobilitätsbedürfnisse erkannt. Das belegen aktuelle Studien. Paradoxerweise sind die Kunden im Mutterland des Automobils noch ein bisschen zurückhaltend. Bislang würde knapp jeder Dritte ein selbstfahrendes Auto nutzen. Und zum Vergleich: In China sind es schon zwei von dreien, die sagen: Ja, das will ich haben. Und was mich jedoch zuversichtlich stimmt: Wann immer jemand unsere pilotierten Systeme testet, fasst er oder sie sehr schnell Vertrauen in den Technologiegrad - egal ob das in den USA ist, in China oder auch hier in Deutschland. Unter anderem deshalb ist es so wichtig, die Technik auf deutschen Straßen zu testen und damit auch öffentlich zu machen. Dies habe ich auch gestern beim G7-Treffen der Verkehrsminister klar postuliert. Es ist gut, dass die Bundesregierung uns hierbei unterstützt. Der Ausbau der A9 als digitales Testfeld ist dafür mehr als das richtige Symbol. Ebenso freue ich mich, dass der UN-Verkehrsausschuss den Handlungsbedarf beim internationalen Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr erkannt hat und es bitteschön jetzt auch zügig angeht und reformiert. Das stammt nämlich aus dem Jahre 1968 und besagt, dass der Fahrzeuglenker ständig in der Lage sein muss, sein Fahrzeug zu beherrschen. Nur: Elektronik und Computer gab es eben damals im Automobil noch nicht. Wir brauchen verlässliche rechtliche Grundlagen. Denn pilotiertes Fahren bietet viele Vorteile. Vor allem die Aussicht auf mehr Sicherheit. In vielen Situationen kann ein digitaler Fahrer schneller, rationaler und auch präziser reagieren als ein Mensch; außer vielleicht, wir lernen eines Tages, dass wir nie müde werden, dass wir uns nie ablenken lassen und dass wir gleichzeitig nach vorne, nach hinten und zur Seite blicken können. Bei alledem ist klar: Vollständige Sicherheit kann wahrscheinlich niemand garantieren. Wir brauchen einen aktiven Diskurs darüber, wie Computer in Extremsituationen entscheiden sollen. Was, wenn ein Crash unvermeidbar ist? Wenn man bei zwei Alternativen nur eine Person schützen kann? Ein Mensch reagiert dann spontan und intuitiv. Hat er nur wenig Zeit, wird er vor allem wahrscheinlich sein eigenes Leben retten. Software braucht vorab definierte Normen. Das berührt grundlegende Fragen natürlich auch der Ethik und fordert damit unsere Gesellschaft als Ganzes. Wir stellen uns diesen Fragen aktuell wirklich sehr aktiv. Denn auf der anderen Seite steht nämlich eine verhängnisvolle Statistik. Fast 90 Prozent aller Unfälle passieren nach wie vor durch menschliche Fehler. Und Software und Sensorik, Kameras, Laser-Scanner können diese Fehler verhindern lernen. Und diesen großen Hebel für mehr Sicherheit wollen, ja den müssen wir gemeinsam nutzen. Auch das gebietet die Ethik.

Meine Damen und Herren,
ob im Unternehmen, der Politik oder in anderen Bereichen: Wir tun gut daran, neben den gewaltigen Chancen der Digitalisierung auch mögliche Sorgen der Menschen auf dieser Zeitstrecke ernst zu nehmen. Nur so können wir Technologieskepsis überwinden. Und das ist wichtig. Denn das größte Risiko der Digitalisierung ist für uns als Gesellschaft, vor allem den Anschluss zu verlieren gegenüber anderen Kulturen. Und wie die Mobilität erfüllt sie eine wichtige Querschnittsfunktion: Mobilität ermöglicht Wohlstand, Lebensqualität. Und mit der digitalen Vernetzung wird es genauso sein. Auf dem Weg zum voll vernetzten Auto tun wir in unserer Firma aktuell zwei Dinge.

Erstens: Wir bringen das Internet rein ins Auto zum Beispiel durch LTE-Anbindung, WLAN-Hotspots oder internetbasiertes Infotainment. Aber - jetzt ist Herr Gabriel weg - wir brauchen hierzu Unterstützung auch zum Thema High Speed Internet. Deutschland hat hier eine mangelnde Infrastruktur. Und wir müssen uns schleunigst und schnell hier nach vorne bewegen. Die Koreaner laufen uns diesbezüglich wirklich den Rang ab. Und vieles davon ist heute bei Audi bereits Standard. Ihre Beifahrer surfen während der Fahrt auf dem Tablet. Sie hören ihren Lieblingssender per Webradio und ihr Bordcomputer liefert nützliche Informationen. Er liest Ihnen Mails oder SMS vor, zeigt die aktuelle Verkehrslage auf der Basis von Schwarmdaten in Echtzeit oder informiert sie, ob der Flieger schon gelandet ist, wenn sie jemanden vom Flughafen abholen wollen. Und irgendwann in sehr, sehr naher Zukunft sprechen sie mit Ihrem Auto, weil auch die künstliche Intelligenz im Auto eine Heimat finden wird und ein Beschleuniger sein wird.

Der zweite Weg zum vernetzten Auto ist: Wir bringen das Auto ins Internet, und zwar in das Internet der Dinge. Bis Ende des Jahrzehnts werden weltweit 50 Milliarden Objekte miteinander vernetzt sein - irgendwie. Und für das Auto und für den Verkehr führt das zu mehr Sicherheit, zu mehr Effizienz, zu weniger Staus, zu weniger Stress und damit zu mehr Komfort. Und es gibt hierzu wirklich viele Pilotprojekte - zum Beispiel das pilotierte Parken, bei dem Auto und Parkhaus miteinander kommunizieren. Das spart Zeit, das spart Platz. Beides Mangelware in großen Metropolen. Statt im Parkhaus minutenlang den einen freien Stellplatz zu suchen, steigen Sie schon an der Einfahrt aus. Das Auto bekommt den Platz digital zugewiesen, parkt selbständig ein und später auf Anweisung per App wieder aus. Und weil Sie in der Parklücke keine Türe mehr öffnen müssen, kann diese deutlich schmaler sein. Der Effekt: kleinere Parkhäuser oder umgekehrt: mehr Stellplätze. Nächstes Beispiel: die Technologie Ampelinfo online. Sie errechnet die optimale Geschwindigkeit für eine grüne Welle. Würden wir alle in Deutschland mit Ampelinfo online fahren, könnten wir 15 Prozent Kraftstoff einsparen; im Jahr immerhin 900 Millionen Liter; gut eine Milliarden Euro weniger Spritkosten; mehr als zwei Millionen Tonnen vermiedenes CO2.

Damit wir all das umsetzen können, brauchen wir die Schnittstelle zwischen Stadt und der Mobilität. Und das ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Politik, aber auch für Unternehmen. Schon 2013 waren in Berlin 700 Ampeln mit unseren Systemen vernetzt. Und zu den intelligenten Objekten, die ich vorhin erwähnt habe, wird bald noch viel mehr zählen. Es kommen Verkehrsschilder hinzu, Ladesäulen. Wir werden Busse, Bahnen wahrnehmen und und und. Wir wissen, dass 75 Prozent der städtischen Infrastruktur des Jahres 2015 heute noch nicht gebaut ist. Und das ist eine Riesenchance für die Vision einer Smart City. Das bedeutet aber auch, dass wir uns ab heute in unseren Planungen zu synchronisieren haben. Wenn alles miteinander vernetzt ist, entsteht nämlich Schwarmintelligenz. Erste Funktionen hierzu sind auch bereits Realität. Vorhin habe ich Echtzeitverkehrsinformationen erwähnt. Sie basieren darauf, dass Handys von Autofahrern die Position oder die Geschwindigkeit weitergeben. Auf diesem Gebiet gibt es noch sehr, sehr viel und großes Potenzial. Zum Beispiel wenn wir es mit dem pilotierten Fahren kombinieren. Forscher haben errechnet, dass sich die Straßenkapazität faktisch vervierfacht, wenn nur eines von zehn Autos regelmäßig seinen Stau meldet. Andere nutzen diese Information beim computergesteuerten Fahren. Und wenn Sie wissen: Ein Berliner ist heute in der Rushhour durchschnittlich 20 Minuten unterwegs, um sich den Parkplatz zu suchen. Das heißt, er ist eigentlich ein so genanntes kleines Verkehrshindernis. Drei Viertel des Innenstadtverkehrs sind Parkplatzsucher. Und alleine, wenn wir das mit Intelligenz versehen, lösen wir das eine oder andere Problem. Oder nehmen sie Autos, die Glatteis registrieren, weil das ESP-System und die Antischlupfregelung Daten produzieren und dies über die Reifenhaftung entsprechend zurückmelden. Über die Cloud können Sie andere Verkehrsteilnehmer warnen. Und Schwarmintelligenz verändert damit nicht nur das Produkt. Sie verändert auch das Verhältnis von Kooperation und Wettbewerb in unserer Industrie. Wettbewerb - da bin ich von überzeugt - belebt das Geschäft und führt zu einem besseren Angebot. Und dieser Mechanismus hat die deutschen Premiummarken so gepusht, dass wir den Premiumweltmarkt heute nahezu untereinander ausmachen, weil wir uns jeden Tag in diesem Wettbewerb auch riechen, spüren und wahrnehmen. Doch in der Netzwerkökonomie verändern sich jetzt die Spielregeln. Je mehr Autos ein und dieselbe Cloud mit Informationen füttern, desto präzisere Angaben und Vorhersagen kann das System machen. Und wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, dann ist wahrscheinlich auch wieder niemandem geholfen. Ein hoher Marktanteil ist nicht mehr nur Ergebnis eines guten Angebots, sondern vor allem eine zentrale Voraussetzung dafür. Und das merken Sie zum Beispiel an dem gemeinsamen Interesse der drei großen deutschen Premiummarken für präzises digitales 3-D-Kartenmaterial. Dynamische Karten, Echtzeitinfos von Autos unterwegs integrieren; mehr Nutzer bedeuten mehr Nutzen und zwar für jeden Einzelnen. Doch auch wenn viele Marken eine gemeinsame Plattform verwenden, wird es in Zukunft weiter markenspezifische Angebote geben. Denn das liegt an den Herstellern, die Technologie und die Rohdaten aus dem Informationspool für ihre Kunden optimal einzusetzen. So schaffen wir eine gute Balance aus Kooperation und Wettbewerb. Und wir drei haben, als wir uns das Thema hier tief angesehen haben, schnell entschieden mit einer Start-up-Mentalität: Wir überlassen diese Kompetenz nicht dem Silicon Valley.

Meine Damen und Herren,
ein Thema bewegt die Menschen bei der vernetzten Mobilität ganz besonders, nämlich die Sicherheit der persönlichen Daten. Viele fragen sich: Werde ich jetzt zu dem gläsernen Konsumenten? Habe ich überhaupt noch eine Privatsphäre? Auch dies haben wir in unserer Industrie sehr ernst zu nehmen. Deshalb betrachten wir jeden Audi als ein so genanntes zweites Wohnzimmer für seinen Fahrer. Das ist privat. Das geht in der Regel nur den Kunden selbst etwas an. Und er soll auch in dieser Phase Herr über seine Daten sein. Er entscheidet, ob und wofür er sie weitergibt. Die Digitalisierung ist eine historische Gestaltungsaufgabe. Und dabei wird die Geschwindigkeit, mit der wir sie umsetzen, entscheidend zu unserem Erfolg beitragen. Und gleichzeitig brauchen wir für nachhaltigen Erfolg beides: den schnellen Wandel, aber ebenso verlässliche Werte. Und wir leben in einem Land genialer Techniker und Ingenieure und gleichzeitig in einem Land großer Dichter und Denker. Das ist eine hervorragende kulturspezifische Ausgangsposition. Und darauf können wir auch aufbauen mit einer digitalen Bildungsoffensive - Bits und Bytes - Seite an Seite mit dem ABC, mit einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur. Sie bindet alle im Land an und ein. Und mit dem richtigen rechtlichen Rahmen. Denn der schafft Raum für neue Technologien. Mit einem Innovations- und Start-up-Klima, das kreative Köpfe ermuntert, diesen Raum auch mit ihren Ideen auszufüllen. Und mit dem Wertedialog, der sicherstellt, dass wir das technisch Machbare für das moralisch Richtige einsetzen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sehen wir die anfängliche Zurückhaltung mancher Menschen nicht einfach nur als Hemmnis. Wir sehen es persönlich wirklich als eine Herausforderung, eine Chance. Streben wir nicht nur nach der Technologieführerschaft. Ich glaube, die trauen uns viele zu. Streben wir auch bitte nach dem Themenfeld Verantwortung. Und dort sollten wir auch als Europäer eine Spitzenposition einnehmen. Dann kommt die Akzeptanz für Technologie von alleine. Und dann kann auch die Digitalisierung Made in Germany oder mein Wunsch, das pilotierte Fahren - Tested on German Autobahn zum Erfolgsmodell unserer Branche werden. Das und nicht weniger ist unser Anspruch. Dankeschön.