Mann hinter Scheibe mit der Aufschrift "Treuhandanstalt" zum Theme Treuhand

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Im Jahr 2016 hatte Iris Gleicke, Ost-Beauftragte der Bundesregierung und Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, die Ruhr-Universität Bochum mit einer Studie beauftragt, um die „Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt“ untersuchen zu lassen. Gleicke hatte seinerzeit erklärt, damit zur Versachlichung einer „immer wieder aufflammenden, kontroversen und in Teilen sehr emotionalen Debatte“ beitragen zu wollen.

Diese Studie liegt nun vor. Zu den Ergebnissen erklärt Iris Gleicke: „Die Bochumer Wissenschaftler weisen überzeugend nach, dass eine ebenso differenzierte wie offene Diskussion über die Treuhandanstalt und die langfristigen Folgen ihres Wirkens im Sinne der weiteren notwendigen Aufarbeitung des Vereinigungsprozesses nicht nur lohnenswert, sondern zwingend erforderlich ist. Die ursprüngliche Idee des Runden Tisches, mit der Treuhand auch für eine gerechte Aufteilung des Volksvermögens zu sorgen, verlor sich im ‚Rauchnebel der Zeitgeschichte‘. Für viele Ostdeutsche ist die Treuhandanstalt bis zum heutigen Tage mit einschneidenden und prägenden biografischen Verlusterfahrungen und erlittenen Enttäuschungen mit Blick auf die freiheitliche Demokratie und die soziale Marktwirtschaft verbunden.“

Gleicke betont in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit, alle Spielräume zu nutzen, um baldmöglichst die Archive für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit zu öffnen: „Gegen Mystifizierungen und Verschwörungstheorien aller Art helfen nur Transparenz, Aufrichtigkeit und auch das Eingeständnis von Fehlern und Fehleinschätzungen. Dabei fällt niemandem ein Zacken aus der Krone. Im Vereinigungsprozess und natürlich auch bei der Treuhand ist nun mal eine Menge schiefgelaufen. Das war alles andere als eine rumpelfreie Veranstaltung.“

Zwischen 1990 und 1994 verantwortete die Treuhandanstalt die beschleunigte Umgestaltung der sozialistischen DDR-Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft. Schon damals war ihr forciertes Vorgehen, insbesondere die zahlreichen Privatisierungen und Schließungen ostdeutscher Betriebe in Öffentlichkeit, Politik und insbesondere in der ostdeutschen Gesellschaft stark umstritten.

Im Rahmen der im Herbst 2016 in Auftrag gegebenen zeithistorischen Studie hat die Ruhr-Universität Bochum nun erstmals die langfristigen Wirkungen von Treuhandanstalt und Wirtschaftsumbau in der gegenwärtigen Erinnerungskultur untersucht. Ziel war dabei eine erinnerungskulturelle „Inventur“, die die verschiedenen Wahrnehmungen und rückblickenden Bewertungen abbildet und einordnet. Hierfür wurden die medienöffentlichen Auseinandersetzungen der vergangenen 25 Jahre analysiert, zahlreiche frühere Treuhand-Führungskräfte, ostdeutsche Treuhand-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Experten im Umfeld der Treuhand befragt sowie im Frühjahr 2017 eine Umfrage mit 500 Personen in Ostdeutschland durchgeführt.

Die besondere Stellung der Treuhandanstalt als kurzfristig eingesetzte „Wirtschaftsregierung“, die ursprünglich nach den Vorstellungen des Runden Tisches vom Februar 1990 für eine gerechte Aufteilung des DDR-Volksvermögens sorgen sollte, hat markante Spuren in der Erinnerungskultur hinterlassen. Die medienöffentlichen Debatten sowie die wirtschaftspolitischen Diskussionen erscheinen seit den frühen 1990er-Jahren zwischen Verteidigung, Kritik und Skandalisierung erstarrt. Ehemalige Treuhand-Führungskräfte deuten ihr Engagement rückblickend als außergewöhnlichen Höhepunkt ihrer Berufslaufbahn, hadern jedoch mit ihrem anhaltend negativen Image. Insbesondere unter älteren Ostdeutschen (über 40 Jahren) erweist sich die Organisation als zentraler erinnerungskultureller Bezugspunkt und wird überwiegend mit „Ausverkauf“ und „Abwicklung“ verbunden, während sie jüngeren Befragten hingegen kaum noch ein Begriff ist.

Die Autoren der Studie umschreiben dies mit einer erinnerungskulturellen „Bad Bank“, bei der vor allem die ostdeutsche Erlebnisgeneration ihre negativ besetzten Umbruchserfahrungen symbolisch abgeladen hat. Die Erinnerung an die Tätigkeit der Treuhandanstalt erweist sich als ein prägender Faktor der politischen Kultur Ostdeutschlands.

Angesichts dieses Befundes empfehlen die Autoren, die künftige Auseinandersetzung mit der Treuhandanstalt sowie mit der Transformationszeit im Allgemeinen über die bloße Fortschreibung der mythisierten Frontstellungen und polarisierten Deutungen hinauszuführen. Hierzu könne vor allem die gerade einsetzende zeithistorische Forschung einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung über entsprechende empirische Fallstudien leisten. Notwendig erscheine hierfür insbesondere eine umfassende Erschließung der umfangreichen Quellenbestände der Treuhandanstalt durch das Bundesarchiv, die allen interessierten Forscherinnen und Forschern zugänglich gemacht werden sollten.

Die Langfassung der Studie finden Sie hier.
Die Kurzfassung der Studie finden Sie hier.