Brigitte Zypries

© BMWi/Susanne Eriksson

Handelsblatt: Frau Zypries, Ryan-Air-Chef O'Leary wirft der Bundesregierung und der Lufthansa bei der Verteilung der wertvollen Start- und Landerechte von Air Berlin ein abgekartetes Spiel vor. Hat er recht?

Brigitte Zypries: Das stimmt natürlich nicht. Es ist abwegig zu behaupten, dass die Bundesregierung mit der Lufthansa unter einer Decke steckt. Schon seit mehreren Monaten führt die Lufthansa Verhandlungen mit Air Berlin, betreibt auch schon um die 40 Flieger von Air Berlin. Also gab es lange vor der Anmeldung der Insolvenz schon intensiven Kontakt zwischen beiden Airlines.

Handelsblatt: Ihr Kabinettskollege Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat öffentlich gesagt, dass Deutschland einen nationalen Champion im internationalen Luftverkehr brauche und es deswegen "dringend geboten" sei, dass die Lufthansa wesentliche Teile von Air Berlin übernehmen könne. Wie sehen Sie das?

Brigitte Zypries: Die Lufthansa ist ein Champion im Luftverkehr - ihre Position kann jetzt aber noch gestärkt werden. Ich würde es begrüßen, wenn die Lufthansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt. Aber ob das so kommt, verhandeln die Airlines ja gerade miteinander. Es gibt mehrere Interessenten. Aus wettbewerblichen und kartellrechtlichen Gründen kann nicht eine einzige Airline Air Berlin kaufen.

Handelsblatt: Wie lange werden die Verhandlungen dauern? Sind die vier Wochen, über die derzeit gesprochen wird, realistisch?

Brigitte Zypries: Das wird man sehen. Wichtig ist, dass zügig und solide verhandelt wird. Mit dem Übergangskredit hat die Bundesregierung die Bedingungen dafür geschaffen, dass Air Berlin weiter verhandeln kann, um seinen Beschäftigten eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen und den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten.

Handelsblatt: Wann war klar, dass der Staat Air Berlin mit einem Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro hilft?

Brigitte Zypries: Wir haben am 11./12. August von der Insolvenz des Unternehmens erfahren. Gleich an dem Wochenende haben wir dann mit den anderen Ressorts, also dem Finanz- und Verkehrsministerium und dem Kanzleramt gesprochen, welche Folgen diese Insolvenz hat und wie wir vorgehen.

Handelsblatt: Und da war man sich sofort einig, dass die Urlauber zurückgeholt werden müssen?

Brigitte Zypries: Ja. Wir haben verschiedene Szenarien erörtert und waren uns schnell einig, dass wir nicht Zigtausend Urlauber und Reisende irgendwo in der Welt stehen lassen können. Und dass nur ein geordnetes Verfahren Air Berlin eine Verhandlungsposition erhält.

Handelsblatt: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, das sei alles dem Wahlkampf geschuldet ?

Brigitte Zypries: Das ist Unsinn. Der deutsche Staat hat immer eine Verantwortung gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern.

Handelsblatt: Sie sind seit vier Jahren Luft- und Raumfahrtkoordinatorin der Bundesregierung. Wie steht es nach der Pleite von Air Berlin um den deutschen Luftfahrtstandort?

Brigitte Zypries: Der deutsche Luftfahrtstandort ist gut aufgestellt, sowohl mit seinen Unternehmen als auch mit seinen Flughäfen. Wir haben mit der Lufthansa eine starke Airline, die erfolgreich am Markt positioniert ist. Und wir haben in Deutschland hervorragende Flughäfen, die gut ausgelastet sind.

Handelsblatt: Trotzdem sinken die Marktanteile der deutschen Fluggesellschaften. Warum ist es so schwer für die deutschen Unternehmen, sich auf dem Markt zu behaupten?

Brigitte Zypries: Es ist schlicht durch die geopolitische Lage Deutschlands und Europas und das Auftreten der Konkurrenten aus der Golf-Region schwieriger geworden, bei den Langstrecken Geld zu verdienen. Die Airlines vom Golf haben ihr Portfolio so organisiert, dass sie viele Zubringer über Dubai oder Abu Dhabi leiten können, und so massiv in den Markt für die lukrativen Langstrecken eingegriffen. Dadurch sind viele Langstrecken für deutsche und europäische Airlines unattraktiver geworden. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Unternehmen auch mit relativ günstigen Preisen in den Markt gekommen sind. Bei den Kurzstrecken sind unsere Unternehmen sehr erfolgreich.

Handelsblatt: Es besteht ja der Verdacht, dass die Golf-Airlines massiv von den dortigen Staaten subventioniert werden. Muss auch der deutsche Staat die deutschen Luftfahrtunternehmen mehr unterstützen?

Brigitte Zypries: Die Staaten bestreiten, dass sie die Airlines subventionieren. Ein Subventionswettlauf wäre aber auch nicht die richtige Antwort und würde am Ende allen schaden. Wir müssen aber die Rahmenbedingungen für deutsche Airlines so gestalten, dass sie sich erfolgreich im Wettbewerb behaupten können.

Handelsblatt: Was ist Ihr Vorschlag?

Brigitte Zypries: Die Luftverkehrsteuer wird von Airlines und Gewerkschaften schon lange als wettbewerbsverzerrend kritisiert. Sie benachteiligt einseitig deutsche Luftverkehrsunternehmen. Ihre Abschaffung würde die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn und die Unternehmen insgesamt stärken. Davon würden Fluglinien, Flughäfen und Passagiere profitieren.

Handelsblatt: Wird es noch weitere Pleiten geben?

Brigitte Zypries: Davon gehe ich nicht aus, nein. Der Luftfahrtmarkt wächst, die Prognose ist also gut. Aber die Konkurrenz ist hart. Deshalb müssen Airlines darauf achten, ihr Unternehmen wettbewerbsfähig und flexibel
aufzustellen.

Handelsblatt: Was meinen Sie damit genau?

Brigitte Zypries: Eine Strategie kann zum Beispiel sein, möglichst wenig verschiedene Flugzeugtypen im Portfolio zu haben. Piloten, Flugbegleiter, aber auch Techniker müssen für den jeweiligen Flugzeugtyp geschult sein. Das kostet Geld und macht unflexibel. Je mehr unterschiedliche Maschinen ein Unternehmen hat, desto mehr Personalaufwand muss betrieben werden.

Handelsblatt: Hat Air Berlin das versäumt?

Brigitte Zypries: Meines Erachtens ist es Air Berlin nicht gelungen, die Zukäufe der verschiedenen Airlines erfolgreich zu integrieren. Das war aber sicher nicht der einzige Fehler des Air-Berlin-Managements.

Handelsblatt: Was ist noch schief gelaufen?

Brigitte Zypries: Air Berlin hat es nicht geschafft, ein klares Profil herauszustellen - also will man Ferienflieger sein oder Businessflieger, will man Europa-Flieger sein oder internationaler Flieger?

Handelsblatt: Der Staat ist eingesprungen, damit die Urlauber nicht in ihrem Ferienort festsitzen. Ihr Parteikollege Verbraucherschutzminister Heiko Maas hat angesichts der Insolvenz von Air Berlin nun den Vorschlag gemacht, dass EU-weit alle Fluggesellschaften zu einer Insolvenzabsicherung verpflichtet werden sollen. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Brigitte Zypries: Bisher ist es so, dass lediglich diejenigen, die ihre Flugtickets im Rahmen einer Pauschalreise gebucht haben, abgesichert sind. jetzt geht es darum, dass auch diejenigen, die lediglich Tickets gebucht haben eine Absicherung bekommen sollen. Das wird auf europäischer Ebene verhandelt und ist sinnvoll für den Verbraucherschutz.

Handelsblatt: Also unterstützen Sie den Vorschlag?

Brigitte Zypries: Ja, ich finde das richtig.

Handelsblatt: Weil dann am Ende der Staat nicht einspringen muss?

Brigitte Zypries: Es geht vor allem darum, dass der Verbraucher besser geschützt wird. Der Verbraucher wird derzeit nicht für bereits gekaufte Tickets entschädigt, wenn eine Fluggesellschaft insolvent geht. Da müssen wir auf EU-Ebene eine bessere Lösung finden.

Quelle: Handelsblatt vom 21.08.2017