Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie; Quelle: Bundesregierung/Bergmann

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DAZ.online: Frau Ministerin, die deutschen Apothekerinnen und Apotheker waren enttäuscht, ja auch entsetzt wegen Ihres Besuches bei DocMorris am 31. Juli. Sie haben sich vor diesem Besuch sicher über DocMorris informiert und wissen, dass die deutschen Apothekerinnen und Apotheker auf dieses Unternehmen nicht gut zu sprechen sind. DocMorris verstößt immer wieder gegen deutsches Recht, jüngstes Beispiel ist der Arzneimittelautomat in Hüffenhardt. Als ausländischer Versender muss sich DocMorris aufgrund der jüngsten Rechtsprechung des EuGH nicht an den einheitlichen Preis für verschreibungspflichtige Arzneimittel halten, was zu einem unfairen Wettbewerb mit deutschen Apotheken führt. Und jetzt besucht unsere Bundeswirtschaftsministerin DocMorris und adelt damit diesen Versender. Warum DocMorris? Wir haben auch in Deutschland Vor-Ort-Apotheken mit High-Tech-Ausrüstung und fortschrittliche Versender.

Zypries: Ich habe auch in Deutschland schon viele Apotheken besucht, allerdings noch keine Versandapotheke. Das liegt aber schlicht daran, dass mich noch keine Versandapotheke eingeladen hat. Was den Besuch bei DocMorris betrifft: Das Unternehmen hatte gehört, dass ich in Aachen die Universität besuche und bei mir angefragt, ob ich nicht kurz in Heerlen vorbeischauen möchte. Man wolle mir zeigen, wie weit die Digitalisierung beim Versand vorangeschritten sei. Da mir die Themen Digitalisierung und E-Health am Herzen liegen, habe ich die Einladung angenommen und mir das Unternehmen angeschaut. Es ging beispielsweise um die Frage, wie man bei der Rezeptprüfung durch die Verarbeitung von Big Data mutmaßliche Fehler im Rezept feststellen kann, die durch einen Anruf beim Arzt dann verifiziert werden. Ich sehe nicht, dass ich – wie das in den Sozialen Medien nach meinem Besuch häufig tituliert wurde – das Unternehmen dadurch „geadelt hätte“. Da würde ich letztlich jede Apotheke, bei der ich einkaufe, auch adeln, denn ich kaufe in der Vor-Ort-Apotheke und bestelle nicht beim Versandhandel.

DAZ.online: Dennoch, Frau Zypries, es kam bei den Apothekerinnen und Apothekern nicht gut an. DocMorris zu besuchen…

Zypries: Ein Stück weit kann ich das verstehen. Nicht nachvollziehen kann ich aber einige der Kommentare auf meiner Facebook-Seite als Reaktion auf meinen Firmenbesuch. Da kommt eine Schärfe in die Debatte, die weder sachlich nachvollziehbar noch im Ton angemessen ist. Ich wollte das Interview mit Ihnen auch gerne, um deutlich zu sagen: Mein Besuch bei DocMorris hat überhaupt nichts mit einer mir unterstellten Geringschätzung der deutschen Apotheke zu tun. Im Gegenteil. Niemand will den deutschen Apotheken an die Existenz, sie sind in Deutschland unverzichtbar, das ist klar. Aber genauso klar ist: Das Internet und die Digitalisierung haben Einzug gehalten in unsere Arbeits- und Lebenswelt. Das ist Realität, damit müssen wir uns auseinandersetzen. Das gilt für jede Branche, auch für die Apotheken. Übrigens besuche ich auch gerne noch eine deutsche Versandapotheke, wenn ich von einer eingeladen werde und es mit meinen Terminen vereinbaren kann.

DAZ.online: Und wie wäre es mit einem Besuch bei einer modernen Vor-Ort-Apotheke, die mit digitalisierten Komponenten arbeitet?

Zypries: Normale vor-Ort-Apotheken kenne ich, aber eine Apotheke mit neuen digitalen Konzepten schaue ich mir natürlich sehr gerne an. Ich habe ein großes Interesse an Innovation!

DAZ.online: Was den deutschen Apotheken große Sorge macht ist das EuGH-Urteil und seine Auswirkungen. Da die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel für Versender aus dem Ausland aufgehoben ist, sehen sich die Apotheken hierzulande einem unfairen Wettbewerb ausgesetzt. Die ausländischen Versender dürfen Boni und Rabatte geben. Frau Zypries, das Motto von Martin Schulz, von der SPD ist doch „Gerechtigkeit“. Aber warum gibt es keine Gerechtigkeit auf dem Apotheken- und Arzneimittelmarkt? Warum keine fairen Wettbewerbsbedingungen? Was mich zur Frage führt: Warum hat die SPD das Rx-Versandverbot blockiert?

Zypries: Wir haben einem Rx-Versandverbot nicht zugestimmt, weil es weder mit deutschem noch mit europäischem Recht vereinbar ist. Das haben die Juristen von Gesundheitsminister Gröhe ihrem Minister aber wahrscheinlich auch erklärt. Wir haben etwa 380 größere Versandapotheken in Deutschland, denen dann auch das Versenden von Rx-Arzneimitteln verboten werden müsste. Das wäre mit dem Verfassungsrecht, Artikel 12 Grundgesetz, mit der Berufsfreiheit, nicht vereinbar. Außerdem ist nicht erkennbar, dass eine Gefährdung der flächendeckenden Versorgung einträte, wenn verschreibungspflichtige Arzneimittel verschickt und nicht mehr nur selbst geholt werden dürfen. Es gibt verfassungsrechtlich sehr hohe Hürden bei dem Eingriff in die Berufsfreiheit.

DAZ.online: Aber immerhin haben 21 andere europäische Länder das Versandverbot und schließen den Rx-Versand aus. Warum geht es dann nicht bei uns?

Zypries: Ein wesentlicher Unterschied ist, dass diese Länder den Rx-Versand noch nie zugelassen haben, während bei uns seit 2004 Apotheken auch als Versandapotheken tätig sein dürfen. Diesen würde man, wie gesagt, nachträglich ihre Berufsausübung verbieten. Auch kann man die einzelnen europäischen Länder nur sehr bedingt miteinander vergleichen. Jedes Land hat sein Gesundheitssystem einschließlich der Arzneimittelversorgung anders organisiert.

Man muss sich auch die Frage stellen, ob ein solches Verbot im Zeitalter der Digitalisierung – wir wollen die elektronische Gesundheitskarte und diskutieren seit Jahren die Einführung des elektronischen Rezeptes – eine sinnvolle und zukunftsfähige Forderung ist. Ich persönlich nutze den Versandhandel zwar nicht, aber gerade in strukturschwachen Regionen, wo zum Beispiel Ärzte weggehen und es keine Apotheke mehr gibt, kann der Versandhandel für viele Menschen eine willkommene Hilfe sein. Der Versandhandel sichert also auch die flächendeckende Versorgung.

DAZ.online: Aber die Apotheken stellen die Versorgung doch sicher durch Rezeptsammelstellen, durch Botendienste…

Zypries: Das ist zum Teil richtig, was ich zum Beispiel an meinem Apotheker in Darmstadt sehe. Er bringt mir die nicht vorrätigen Arzneimittel nach Hause. Das ist doch (Zypries lacht) auch so etwas wie Versandhandel, aber auf die einfachere Art…

DAZ.online: Das ist der Botendienst der Apotheken …

Zypries: Richtig, eine Serviceleistung der Apotheke. Wenn es nicht zu weit entfernt ist, ist das machbar. Aber bei weiten Entfernungen, auf dem Land, geht das nicht mehr. Da kann der Versandhandel eine ergänzende Alternative sein.

DAZ.online: Aber Same-Day-Delivery, das können doch nur die Apotheken vor Ort.

Zypries: Rund 60 Prozent aller rezeptpflichtigen Arzneimittel werden am Tag der Verschreibung und mehr als 80 Prozent zwei Tage nach der Verordnung eingelöst. Das geschieht in der Apotheke vor Ort. Diese Arzneimittel wollen die Patienten schnell zur Verfügung haben. Nur für die verbleibenden, weniger eiligen Verordnungen bzw. Arzneimittel kann der Versandhandel überhaupt in Frage kommen. Für diesen Anteil können beide Angebotswege für die Kunden attraktiv sein, das nennt man Wettbewerb.

DAZ.online: Frau Ministerin, letztlich geht es dabei doch auch um den persönlichen Kontakt zwischen Apotheker und Patient. Der Apotheker kann viel vertraulicher mit dem Patienten sprechen, Arzneiprobleme abklären, Verordnungen auf Neben- und Wechselwirkungen checken. Deshalb betrachten die Apotheker den Versandhandel nur als Lückenfüller und nicht für die Haupt- und Grundversorgung.

Zypries: Die Zahlen sprechen für den Wunsch des Kunden nach all den von Ihnen genannten Qualitäten. Nach meiner Kenntnis hat der Versandhandel bisher einen sehr geringen Marktanteil bei den Rx-Arzneimitteln von rund 1 Prozent. Es spricht aber viel dafür, den Kunden die Wahl zu lassen. Was das Thema Vertraulichkeit anbelangt ist nach meiner Erfahrung in vielen Vor-Ort Apotheken noch Platz für neue Ideen - und damit für weitere Wettbewerbsvorteile.

DAZ.online: Das trifft für die verschreibungspflichtigen Arzneimittel zu, der Trend ist aber bereits ansteigend. Bei den Arzneimitteln, die ohne Rezept verkauft werden, haben wir allerdings schon einen Anteil von 13 Prozent. Das schmerzt die Apotheke vor Ort durchaus, das spürt sie. Und wenn dann noch der Rx-Markt mehr und mehr in den Versand abwandert, dann wird es für die Präsenz-Apotheke bitter, vor allem für kleine Apotheken auf dem Land.

Zypries: Vor allem kleine Apotheken auf dem Land haben ein gutes Netz aufgebaut, das die Patienten und Kunden bindet und können erfolgreich auf dem Markt bestehen. Branchen verändern sich. Nehmen wir das Beispiel der Buchläden. Sie haben Gegenkonzepte entwickelt und ihren Kunden Lesemöglichkein, Lesungen oder Kaffee geboten. Dinge, die der Versandhandel nicht bieten konnte. Auf diese Art haben sich zum Beispiel auch kleine Buchläden stabil auf dem Markt positioniert.

DAZ.online: Es gibt natürlich Apotheken, die vergleichbare Kundenbindungskonzepte entwickeln, zum Teil auch sehr erfolgreich. Aber oft sind dann letzten Endes die satten Rabatte und Boni, die von Versandapotheken gegeben werden und bis zu 30 Euro betragen, für viele Bürgerinnen und Bürger doch verlockender als die Bindung zu ihrer Apotheke. Das ist die Sorge der Apotheken vor Ort.

Zypries: Naja, zunächst muss man sagen, dass es Konkurrenz und Wettbewerb vor allem zwischen den Apotheken vor Ort gibt – und zwar vor allem zwischen denen in besonders lukrativen Lagen und denen in Randgebieten. Hierfür ist der Versandhandel nicht verantwortlich. Den Apotheken stehen bei nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zudem genauso Werbemöglichkeiten und Preiswettbewerb als Instrumente zur Verfügung, um sich gegen Konkurrenten – sei es die Apotheke 50 Meter weiter oder der Versandhandel – abzugrenzen. Die Vor-Ort-Apotheke kann auch den Versandhandel für ihr Geschäft nutzen und so weitere Kunden binden. Die immer wieder genannten Rabattbeträge für verschreibungspflichtige Arzneimittel sind bei genauem Hinsehen doch nicht so hoch, wie der erste Eindruck dies vermittelt. Bei einem durchschnittlichen Arzneimittelpreis von weniger als 60 Euro kann auch der Versandhandel dauerhaft keine hohen Rabatte gewähren. Richtig ist aber, dass wir uns mit all diesen Fragen auseinandersetzen müssen. Es müssen faire Regeln im Wettbewerb gelten und es ist Aufgabe der Politik dafür zu sorgen.

Allerdings wissen viele Menschen zum Beispiel auch nicht, dass auch die deutschen und europäischen Versandapotheken in Deutschland in den Nacht- und Notdienst einzahlen. Sie sind auch offen, mehr beizutragen. Nochmal, es geht nicht darum, die Vor-Ort-Apotheken kaputt zu machen, im Gegenteil.

DAZ.online: Dennoch, den deutschen Apothekerinnen und Apothekern fehlen die fairen Wettbewerbsbedingungen mit den ausländischen Versendern…

Zypries: Wie gesagt, fairer Wettbewerb muss sein, dafür wird gesorgt – aber vor einem Wettbewerb kann niemand bewahrt werden. Die Entscheidung, an welchem Standort ein Apotheker beziehungsweise eine Apothekerin seine Leistung anbieten will, trifft er beziehungsweise sie alleine und stellt sich damit dem Wettbewerb. Mein Eindruck ist, dass Vor-Ort Apotheken flächendeckend verbreitet und offenbar wirtschaftlich erfolgreich zu führen sind.

DAZ.online: So rosig sieht es aber schon lange nicht mehr aus: Seit einigen Jahren schließen jedes Jahr 200 bis 250 Apotheken. Der Abwärtstrend hält an. Vor allem auf dem Land.

Zypries: Die Ursache hierfür ist allerdings nicht der Versandhandel, sondern die Abhängigkeit von Arztpraxen und damit von Rezepten – schließt ein Arzt seine Praxis, muss häufig auch die Apotheke schließen.

DAZ.online: Gibt es denn von Ihrer Seite eine Vorstellung, was man anstelle des Rx-Versandverbots tun könnte, um fairen Wettbewerb zu schaffen?

Zypries: Wir haben als Sozialdemokraten Angebote gemacht. Zum Beispiel könnten Versandapotheken mehr in den Nacht- und Notdienstfonds einzahlen, die Vor-Ort-Apotheken in strukturschwachen Regionen könnten einen Ausgleich erhalten, um eine definierte Mindestversorgung zu sichern. Und vorstellbar sind für eine Übergangszeit auch gedeckelte Boni.

DAZ.online: Was die gedeckelten Boni betrifft, so gehen die deutschen Apotheker allerdings nicht davon aus, dass sich ausländische Versender daran halten würden.

Zypries: Versandapotheken müssen sich natürlich an die gesetzlichen Bestimmungen halten und das tun sie auch. Jede Regelung muss selbstverständlich europarechtskonform gestaltet sein und hier habe ich auch keine Bedenken, dass das auch bei Boni-Regelungen gelingen kann. Klar ist doch: Auch Versandapotheken können kein Geld verschenken, sondern wollen Gewinn erwirtschaften. Ich halte einen Runden Tisch mit allen Beteiligten für sinnvoll, um sich vertraglich zu einigen. Damit habe ich schon als Justizministerin gute Erfahrungen gemacht. An Gröhes Stelle hätte ich einen solchen Dialog-Prozess längst eingeleitet.

DAZ.online: Frau Zypries, Sie setzen sich bekanntlich sehr für Digitalisierung und E-Health ein. Welchen Wert hat denn für Sie da die Vor-Ort-Apotheke? Aus politischer, aber auch aus persönlicher Sicht?

Zypries: Wie gesagt, ich persönlich gehe in meine Vor-Ort-Apotheke und bekomme meine Mittel sofort. Manchmal müssen sie auch bestellt werden, dann werden sie gebracht oder ich kann in eine andere Apotheke gehen. Eine Versandzustellung wäre für mich nicht vorteilhaft, weil ich meist nicht zuhause bin, um Päckchen anzunehmen. Zudem schätze ich auch die Beratung in der Apotheke. Das ist doch auch für viele ältere Menschen wichtig. Auch der soziale Kontakt und das Gespräch in der Apotheke sind wichtig. Da kommt man dann gerne wieder. Ein Stück weit ist das Konsumverhalten wie häufig auch hier eine Altersfrage. Die Älteren gehen eher in die Apotheke vor Ort, die Jüngeren, die eh sehr viel über das Internet bestellen, fragen sich, warum sie nicht auch ihre Arzneimittel übers Netz bestellen sollen.

DAZ.online: Was die Digitalisierung betrifft: Es gibt in Deutschland schon einige Apotheken, die auf die Digitalisierung setzen, die mit Videowänden, Touchscreens und Tablets arbeiten und sogar ein Videoterminal gibt es.

Zypries: Ich weiß und das ist großartig. Deshalb finde ich, die deutschen Apotheker können durchaus mit Selbstbewusstsein und Zuversicht in die Zukunft schauen und müssen DocMorris nicht als Schreckgespenst aufbauen.

DAZ.online: Frau Zypries, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: DAZ.online vom 11.08.2017