Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie; Quelle: BMWi/Michael Reitz

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Hannoversche Allgemeine Zeitung: Frau Zypries, viele Menschen fürchten die Digitalisierung. Zu Recht?

Brigitte Zypries: Angst ist nie ein guter Ratgeber. Ich halte nichts von Horrorszenarien, dass Roboter und Computer Menschen überflüssig machen. Wir sollten die Digitalisierung mit Mut angehen. Und wir werden sie brauchen - schon wegen des demografischen Wandels. 2030 werden wir 6,3 Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter haben als 2010. Die Digitalisierung kann helfen, diese Lücke zu schließen.

Hannoversche Allgemeine Zeitung: Experten schätzen, dass zwischen 10 und 50 Prozent der Jobs wegfallen ...

Brigitte Zypries: Aus meiner Sicht sind die meisten Prognosen über ein Ende der Arbeit stark übertrieben. Obwohl die Digitalisierung voranschreitet, hat sich die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr auf insgesamt 43,5 Millionen erhöht. Die Arbeit wird uns auf absehbare Zeit nicht ausgehen. Was wir allerdings erleben werden, ist ein nie da gewesener Wandel in der Arbeitswelt. Den müssen Politik, Sozialpartner und Wissenschaft gemeinsam mit der Wirtschaft gestalten.

Hannoversche Allgemeine Zeitung: Was verstehen Sie unter "Wandel"?

Brigitte Zypries: Die Digitalisierung wird zu Verschiebungen zwischen den Branchen führen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Großteil heutiger Schüler in zwanzig Jahren in Berufen arbeiten wird, die es heute noch gar nicht gibt. Aber Experten gehen davon aus, dass durch die Digitalisierung auch mittelfristig kaum Arbeitsplätze verloren gehen. Und die, die verloren gehen, werden ungefähr im gleichen Umfang durch neue Arbeitsplätze ersetzt. Im produzierenden Gewerbe etwa werden weniger Menschen arbeiten, dafür werden neue Arbeitsplätze vor allem im Dienstleistungsbereich entstehen. Außerdem wird sich die Art der Arbeit verändern. Künftig werden vor allem komplexe Tätigkeiten von Menschen erledigt werden.

Hannoversche Allgemeine Zeitung: Untere Einkommens- und Bildungsschichten gehören zu den Verlierern?

Brigitte Zypries: Nicht zwangsläufig. Heute werden über 35 Prozent aller hochkomplexen Tätigkeiten von Nichtakademikern ausgeübt. Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass der Bedarf an diesen beruflich qualifizierten Arbeitskräften bestehen bleiben wird. Das setzt voraus, dass das Qualifizierungsniveau hoch bleibt. Ohne die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen wird das nicht gehen.

Hannoversche Allgemeine Zeitung: Was kann Politik leisten?

Brigitte Zypries: Politik muss mehr investieren - in Aus- und Weiterbildung und in Infrastruktur. Dass derzeit nicht einmal die Hälfte der Berufsschulen über funktionierendes WLAN verfügt, zeigt, wie groß der Nachholbedarf im Schulbereich ist. Und beim schnellen Internet liegt Deutschland international nur auf Platz 26. Massive Investitionen in die Netze sind nötig, um uns auf den Weg in die Gigabitgesellschaft zu bringen. Schätzungen gehen von bis zu 100 Milliarden Euro bis 2025 aus. Und wir müssen flankierende Regelungen zum Arbeitnehmerschutz stärken, um den digitalen Wandel fair zu gestalten.

Interview: A. Niesmann

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 28.04.2017