Uwe Beckmeyer, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie; Quelle: Bundesregierung/Bergmann

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Lübecker Nachrichten: Herr Beckmeyer, am 4. April gibt es in Hamburg Ihre letzte Maritime Konferenz als Koordinator der Bundesregierung. Wird es auch Ihre schwierigste?

Uwe Beckmeyer: Da ich nicht wieder für den Bundestag kandidieren werde, wird die 10. Nationale Maritime Konferenz gleichzeitig meine letzte Konferenz als Maritimer Koordinator sein. Im Mittelpunkt der Konferenz steht das Thema Digitalisierung. Das ist das zentrale Handlungsfeld für die maritime Branche in den nächsten Jahren. Es betrifft den gesamten maritimen Bereich: die Logistik, die Hafentechnik, den Schiffbau, die Meerestechnik. Wir wollen die Digitalisierung in der maritimen Branche vorantreiben. Hierzu haben wir alle ins Boot geholt und werden in Hamburg eine gemeinsame Erklärung verabschieden, die den Handlungsrahmen für die Digitalisierung in der maritimen Wirtschaft klar benennt.

Lübecker Nachrichten: Was bedeutet das Schlagwort maritime Wirtschaft 4.0?

Uwe Beckmeyer: Nun, wir stecken mitten in einem Umwälzungsprozess, den es bewusst zu gestalten gilt. Digitalisierung und Industrie 4.0 sind die Zukunftsthemen für die gesamte Wirtschaft, aber natürlich vor allem auch für die maritime Wirtschaft als Logistikbranche. Die Vernetzung von Verkehrsträgern, von Produktionsprozessen oder die Bündelung von Datenströmen sind für die Branche nicht neu, werden aber die nächste Jahre absolut prägen. Wir wollen die Plattformphilosophie für unsere Unternehmen beherrschbar machen. Das heißt, es dürfen sich nicht irgendwelche digitalen Plattformen zwischen Besteller und Produzenten drängen, die dann bestimmen, wer produziert und zu welchem Preis.

Lübecker Nachrichten: Sie meinen, Daten-Riesen wie Google und Co. könnten auch die maritime Wirtschaft dominieren?

Uwe Beckmeyer: Ja, und andere. Damit eine solche Dominanz aber gar nicht erst entsteht, müssen wir unsere Branche, die zumeist mittelständisch geprägten Zulieferer und die Werften fit machen für die digitale Zukunft. Es gibt bereits tolle Entwicklungen, aber noch nicht in der erforderlichen Breite. Wer heute die digitale Revolution verschläft, weil er volle Auftragsbücher hat, der schaut in zwei, drei Jahren in die Röhre. Deshalb ermutigen wir die Unternehmen, aktiv Schritte zur Digitalisierung einzuleiten.

Lübecker Nachrichten: Was allerdings in Werften und Häfen Arbeitsplätze kosten wird.

Uwe Beckmeyer: Abwarten. Wir müssen zunächst einmal festhalten: Die Digitalisierung findet statt. Deshalb müssen wir diesen Prozess gestalten. Der digitale Wandel bringt neue Aufgaben mit sich. Ich denke an die IT-Sicherheit, aber auch an Qualifizierung und Fortbildung der Beschäftigten. Es entstehen ganz neue Berufsfelder und Arbeitsplätze. Ziel muss es sein, faire Arbeitsbedingungen abzusichern, um gute Arbeit zu leisten.

Lübecker Nachrichten: Ihr Ministerium gibt für die Forschungsförderung im Schiffbau gerade mal 35 Millionen Euro aus. Das ist angesichts von Milliarden-Umsätzen und -Potenzialen der Pfiff einer Maus.

Uwe Beckmeyer: Sie vergessen, dass die Bundesländer ein Drittel dazu geben. Zusammen kommen von der öffentlichen Hand somit rund 20 Prozent der Aufwendungen für die Innovationsförderung. Zudem haben wir sehr zielgerichtete Forschungsinitiativen mit klar definierten Technologiesäulen wie Schiffstechnik oder Meerestechnik. Das halte ich auch für den richtigen Ansatz: zielgerichtet und nicht mit der Gießkanne.

Lübecker Nachrichten: Die Verbände plädieren für mehr staatliche Unterstützung in dieser Schlüsselbranche.

Uwe Beckmeyer: Das mag sein. Aber der Staat muss Steuergeld sinnvoll, also nur für wirkliche Innovationen einsetzen.

Lübecker Nachrichten: China, Korea und andere Schiffbaunationen sind nicht so zimperlich, wenn es um Subventionen für die eigenen Firmen geht. Sind die deutschen Werften in diesem Wettrennen nicht die zweiten Sieger?

Uwe Beckmeyer: Ich bin sehr froh, dass unsere Werften im Spezialschiffbau Hightech-Produkte liefern. Unsere besondere Fähigkeit, hoch komplexe Einheiten zu bauen, ist unser Wettbewerbsvorteil. Aber natürlich schläft die Konkurrenz in Asien nicht. Daher pochen wir seitens der Bundesregierung auch auf fairen Wettbewerb auf Basis der WTO-Regeln. Für Deutschland ist zudem wichtig, dass wir weiterhin über die gesamte Wertschöpfungskette verfügen müssen, also von der Stahlproduktion über die vielen Zulieferer im Maschinenbau bis zu den Werften.

Lübecker Nachrichten: Ein Wort zum Marine-Schiffbau: Sind Sie rundum zufrieden, weil die Bundesmarine weitere Korvetten, U-Boote und Mehrzweckkampfschiffe ordern will?

Uwe Beckmeyer: Die Kooperation mit Norwegen, das vier U-Boote bestellt sowie die Option auf zwei weitere Unterwasserschiffe hat, bietet eine gute Perspektive für ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel und die beteiligten Zulieferer. Außerdem wird die Deutsche Marine zwei U-Boote des Typs 212 bestellen. Zugleich habe ich die Hoffnung, dass auch andere Nato-Partner mit ins Boot geholt werden können.

Lübecker Nachrichten: Was ist mit den Aufträgen für fünf weitere Korvetten, deren Vorgänger immerhin zahlreiche Kinderkrankheiten hatten, sowie sechs MKS 180?

Uwe Beckmeyer: Ich höre von der Marine, dass die Korvetten ausgezeichnet funktionieren. Bei den nächsten Schiffen handelt es sich um einen Folgeauftrag, über den noch entschieden werden muss. Hier hat das bisherige Konsortium sicher gute Karten. Was die neuen MKS 180 betrifft, wird es eine EU-weite Ausschreibung geben. Ich bin optimistisch, dass heimische Unternehmen gute Chancen haben.

Lübecker Nachrichten: Was halten Sie vom Einstieg der malayischen Genting-Gruppe bei den drei "MV-Werften" in Wismar, Warnemünde und Stralsund?

Uwe Beckmeyer: Ich betrachte die Übernahme der drei Standorte in Mecklenburg-Vorpommern grundsätzlich als positiv. Der Investor aus Malaysia hat Werften übernommen, die besondere Qualität liefern können. Zugleich bringt die Genting-Group den Auftrag für mehrere große Kreuzfahrtschiffe, Megayachten und vier neue Flusskreuzfahrtschiffe mit. Das sichert die Beschäftigung nicht nur, sondern kann diese sogar noch erhöhen. Das ist eine wichtige Chance für den Schiffbau im Nordosten.

Lübecker Nachrichten: Wird der Bund die Förderanträge für die Genting-Schiffe wohlwollend beantworten?

Uwe Beckmeyer: Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass wir die Projekte mit großer Sympathie und Wohlwollen begleiten werden.

Lübecker Nachrichten: Wo liegt der Haken?

Uwe Beckmeyer: Ich spreche nicht von einem Haken. Basis für eine Entscheidung des Bundeswirtschaftsministeriums ist der Antrag der Werft sowie der finanzierenden Bank mit allen relevanten Zahlen und Fakten. Sollten die Daten dann eine Unterstützung etwa durch Hermes-Bürgschaften für die Endfinanzierung der Schiffe rechtfertigen, wird der Bund sich nicht verweigern. Zu bedenken ist aber auch, dass die Bauzeitfinanzierung unter Beteiligung des Unternehmens und des Landes zu stemmen ist.

Das Interview führte Reinhard Zweigler.

Quelle: Lübecker Nachrichten-Online vom 01.04.2017