Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Brigitte Zypries

© BMWi/Susanne Eriksson

Passauer Neue Presse (PNP): Frau Zypries, Großbritannien beantragt den Austritt aus der EU. Ein schwarzer Tag für den Binnenmarkt und das Projekt der europäischen Integration?

Brigitte Zypries: Ich hätte mir gewünscht, dass die Briten in der EU bleiben. Aber jetzt gilt es, nach vorne zu schauen und die Austrittsverhandlungen konstruktiv zu führen. Dafür haben wir zwei Jahre Zeit. Während dieser Zeit gelten für Großbritannien alle Rechte und Pflichten weiter. Wir anderen 27 Mitglieder stehen fest zusammen und werden die Zukunft der EU gemeinsam gestalten. Der Binnenmarkt mit seinen Freiheiten bringt den Menschen und den Unternehmen viele Vorteile. Die EU ist Garant für Frieden, Stabilität, Sicherheit und nicht zuletzt für Wohlstand in Europa. Für die Handelsbeziehungen zu Großbritannien in der Zukunft wird die EU zeitnah ein Freihandelsabkommen verhandeln.

PNP: Muss Deutschlands Wirtschaft den Brexit fürchten?

Zypries: Die deutsche Wirtschaft ist robust, wettbewerbsfähig und international gut aufgestellt. Also kein Grund zur Unruhe. Aber: Solange unklar ist, wie die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien in zwei Jahren aussehen, stellt sich auch für deutsche Unternehmen die Frage: Sollen wir noch langfristig in Großbritannien investieren? Das muss jedes Unternehmen eigenständig beantworten. Wir Deutschen haben ein Interesse an engen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen auch in der Zukunft.

PNP: Wie hoch ist das Risiko, dass der Brexit zur großen Wachstumsbremse in Europa wird?

Zypries: Wir haben es selber in der Hand, den Binnenmarkt auch ohne Großbritannien stark zu halten und für ein starkes und erfolgreiches Europa zu arbeiten. Mit knapp 500 Millionen Verbrauchern ist die EU der größte Wirtschaftsraum der Welt. Allen muss klar sein, dass die Europäische Union für uns die Zukunft ist, gerade für das exportstarke Deutschland. Ich bin zuversichtlich, dass wir das gut meistern werden. Deutschland und das Vereinigte Königreich sind seit Jahrzehnten enge Handelspartner, auch schon vor dem EU-Beitritt der Briten. Großbritannien wird auch nach einem Austritt aus der EU ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und Europas bleiben.

PNP: Was würde es für die Briten und ihre Wirtschaft bedeuten, wenn sie nicht mehr im EU-Binnenmarkt sind?

Zypries: Großbritannien importiert etwa die Hälfte der Produkte und Dienstleistungen aus Ländern der EU, und die EU ist auch die wichtigste Exportdestination für Großbritannien. Europas Binnenmarkt sorgt für freien und reibungslosen Warenverkehr. Seine Grundfreiheiten - wie die Niederlassungs-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrsfreiheit - sind Grundlage für Wachstum und Wohlstand in Europa. Für die Zeit nach dem Austritt sollten Handelsschranken so weit wie möglich vermieden werden. Das ist wird Gegenstand der Verhandlungen über ein künftiges Handelsabkommen sein. Klar ist aber: Es wird nicht einfacher für britische Unternehmen.

Interview: Rasmus Buchsteiner

Quelle: Passauer Neue Presse vom 30.03.2017