Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Brigitte Zypries

© BMWi/Susanne Eriksson

Weser Kurier: In Bremen entsteht mit dem Ecomat eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung. Welchen Stellenwert nehmen solche Projekte in der deutschen Luft- und Raumfahrtbranche ein?

Brigitte Zypries: Die Luft- und Raumfahrt ist eine Branche, die unter wachsendem internationalen Wettbewerbsdruck steht. Sie ist aber oder gerade deshalb eine sehr forschungsintensive Branche: aktuell reinvestieren die Unternehmen in Deutschland 12 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Es gibt darüber hinaus ein sehr gut ausgestattetes Netzwerk von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Und das ist ein Alleinstellungsmerkmal und ein Pfund für Deutschland. Einrichtungen wie ECOMAT sind daher eine Zukunftsinvestition, damit der Standort auch weiterhin technologisch die Nase vorn hat. Die Branche mit ihrem Umsatz von 35 Mrd. Euro, über 100.000 Beschäftigten und einer hohen industriellen Wertschöpfung hat sehr gute Wachstumsperspektiven.

Weser Kurier: Durch mehr private Konkurrenz nimmt der Druck auf Hersteller und Zulieferer in der Raumfahrt zu. Wie können sich deutsche Unternehmen darauf vorbereiten?

Brigitte Zypries: Es ist richtig, dass es den Trend zu neuen Geschäftsmodellen privater Anbieter in der Raumfahrt gibt, Stichwort „New Space“ in den USA. Wir haben hierzu im letzten Jahr eine Untersuchung durchgeführt, die Deutschland eine sehr gute Ausgangsposition bescheinigt hat. Deutschland verfügt über exzellentes technologisches Wissen, verbunden mit etablierten Raumfahrtstandorten und innovativem Unternehmergeist. Ausruhen dürfen wir uns darauf aber nicht, denn wir brauchen neue Herangehensweisen in der Fertigung und mehr unternehmerisches Handeln. Erfolg hat nur derjenige, der neben der Entwicklung der Technologie an sich auch das Marktpotential einer innovativen Anwendung richtig einschätzen kann. Die Bundesregierung unterstützt die Raumfahrtindustrie auf der Suche nach neuen Märkten, z.B. durch Förderung von Komponenten, Wettbewerbe zum Technologietransfer in und aus anderen Branchen sowie durch die neue Initiative „Raumfahrt bewegt!“ die sich speziell der Zusammenarbeit von Mobilität und Raumfahrt widmet.

Weser Kurier: Was muss die Politik tun, damit die Innovationen in der Luft- und Raumfahrt aus Deutschland kommen?

Brigitte Zypries: Unterstützen - mit Forschungsförderung, den richtigen Rahmenbedingungen, aber auch Flankierung von Auslandsgeschäften. Ich habe mich in den letzten Jahren als Koordinatorin für Luft- und Raumfahrt für einen strategischen Dialog zwischen Politik und Branche stark gemacht, um genau über den tatsächlichen Bedarf der Branche Bescheid zu wissen und unsere Instrumente optimal einsetzen zu können. Zusammen mit Industrie und Gewerkschaften habe ich z.B. den Runden Tisch Luftfahrtindustrie ins Leben gerufen, der inzwischen wichtige Zukunftsaufgaben besprochen und gemeinsame Initiativen auf den Weg gebracht hat. Ergebnis ist auch, dass das Luftfahrtforschungsprogramm LuFo einen klaren Schwerpunkt auf digitale Innovationen legt. Schon im laufenden Förderaufruf bei den Projekten bis 2018 sind 47 Mio. Euro für Industrie-4.0-Projekte eingestellt. Das ist ein Beitrag, um unsere Volkswirtschaft bei der digitalen Transformation fit zu machen.

Weser Kurier: Die Luft- und Raumfahrt ist ein internationales Projekt. Warum gibt es dann immer noch viele nationalstaatliche und regionale Initiative, anstatt komplett global zusammenzuarbeiten?

Brigitte Zypries: Lokale Initiativen machen Sinn – auch in einer zunehmend global aufgestellten Industrie. Es geht darum, die Kräfte vor Ort zu bündeln und als regionales Cluster auch international sichtbar zu bleiben. Denn wir dürfen nicht vergessen: Der Großteil unserer Zulieferer in Deutschland sind nach wie vor hochspezialisierte kleine und mittlere Unternehmen, die ein solches Netzwerk brauchen. Zusätzlich brauchen wir Initiativen wie die Supply Chain Excellence, die antreten, um Initiativen der regionalen Cluster zu bündeln und zu koordinieren. Das ist zukunftsorientiert und stärkt unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb. Daher bin ich auch gerne Schirmherrin der Initiative.

Quelle: Weser Kurier vom 22.03.2017, S. 17