Brigitte Zypries, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie; Quelle: BMWi/Michael Reitz

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Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): Frau Zypries, das Bundeswirtschaftsministerium wurde seit jeher von Männern geführt. Sie sind die erste Frau auf dem Stuhl Ludwig Erhards. Was machen sie anders als ihre Vorgänger?

Brigitte Zypries: Man muss nicht alles neu machen, aber ich setze durchaus meine Akzente. Nicht nur in meiner Politik, sondern auch bei uns im Ministerium. Es ist mir wichtig, Frauen in der Wirtschaft öffentlich sichtbarer zu machen. Für offenen Stellen im Ministerium ermuntere ich Frauen ausdrücklich, sich zu bewerben.

RND: Das heißt, diese Frauen kommen auch zum Zug, wenn sie schlechter qualifiziert sind als männliche Bewerber?

Brigitte Zypries: Ausdrücklich nein. Eignung und Befähigung stehen an erster Stelle. Aber wir haben im Ministerium viele hervorragend qualifizierte Frauen, da mache ich mir keine Sorgen.

RND: Was stand der Karriere dieser Frauen bislang im Wege?

Brigitte Zypries: Es gibt zwei Begründungsstränge: Zum einen trauen sich Frauen manchmal nicht genug zu und bewerben sich deshalb nicht. Zum anderen besteht in der Wirtschaft vielerorts die Grundeinstellung, dass Wirtschaft Männersache sei und in den eigenen Netzwerken sind in aller Regel auch keine Frauen. Aber: Frauen sind als Angestellte oder Unternehmerinnen in der Wirtschaft sehr erfolgreich, jeden Tag! Das möchte ich sichtbarer machen, bei meinen Unternehmensbesuchen genauso wie bei meinen Gesprächen mit Startups. Auch die Mitarbeiterinnen des BMWi arbeiten täglich für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Deshalb werde ich auch sie sichtbar machen, gemeinsam mit mir am 8. März.

RND: Das ist ja nicht mehr als eine hübsche Geste.

Brigitte Zypries: Aber auch nicht weniger! Es ist wichtig, etwas für Frauen zu tun, aber fast genauso wichtig ist es, darüber zu reden und ihre Leistung sichtbar zu machen. Denn es gibt schon heute viele Frauen, die in verantwortlichen Positionen einen tollen Job machen und Arbeitsplätze sichern. Wir nehmen es oft nur nicht wahr. Das will ich ändern.

RND: Wie?

Brigitte Zypries: Wir brauchen mehr Frauen in den Chefetagen, mehr Frauen im sogenannten MINT-Bereich und auch mehr Frauen, die sich trauen, ein Unternehmen zu gründen. Das unterstützen wir mit verschiedenen Programmen. Bei „FRAUEN unternehmen“ zum Beispiel haben wir rund 100 Vorbild-Unternehmerinnen, die ehrenamtlich an Schulen oder Universitäten über ihre Arbeit und ihre Gründung sprechen. Sie geben Rat und machen Mut, auch für die Selbstständigkeit. Denn die Selbstständigenquote ist bei Frauen viel geringer als bei Männern, besonders im digitalen Bereich. Wenn Deutschland künftig aber nicht den Anschluss verlieren will, brauchen wir starke Unternehmerinnen – auch in der IT-Branche. Deshalb verlängere ich diese Initiative, die eigentlich im September ausgelaufen wäre. Gleichzeit stehen starke Frauen auch für eine starke Wirtschaft. Das werde ich bei meinen Terminen und Veranstaltungen immer wieder deutlich machen. Sie können mir ja unter dem Hashtag #StarkeFrauenStarkeWirtschaft bei Facebook und Twitter folgen.

RND: Warum spielt Geschlecht in Unternehmensführungen eine Rolle?

Brigitte Zypries: Geschlechter spielen immer dann eine Rolle, wenn ein Geschlecht deutlich unterrepräsentiert ist. Viele Studien belegen, dass Unternehmen messbar mehr ökonomischen Erfolg haben, wenn deren Spitzen divers aufgestellt sind. Da reden wir übrigens nicht nur über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, sondern über die Relation zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, jungen und alten, homosexuellen und heterosexuellen, behinderten und nicht behinderten Menschen.

RND: Was macht divers aufgestellte Unternehmen erfolgreicher?

Brigitte Zypries: Ein Grund liegt in der Ergänzung von Talenten und Perspektiven. Ein Beispiel: Wenn Sie ein Produkt an Frauen verkaufen wollen, hilft es Ihnen, wenn in Entwicklung, Marketing und Vertrieb Frauen mitentscheiden können. Das liegt auf der Hand.

RND: Warum setzen dann nicht mehr Unternehmen auf diese Strategie?

Brigitte Zypries: Das frage ich mich auch. Seit Gerhard Schröders Kanzlerschaft hat die Wirtschaft immer wieder versprochen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Passiert ist zu wenig. Da Freiwilligkeit nicht geholfen hat, war ich dann auch eine Befürworterin der Frauenquote. Der Mittelstand holt bei Frauen in der Chefetage auf. Die Mehrheit der M-Dax-Unternehmen aber beispielsweise gibt sich selbst beim Zielwert für die Frauenquote im Vorstand eine Null. Muss ich mehr sagen?

RND: Sie wollen sie gesetzlich nachbessern?

Brigitte Zypries: Erst Mal müssen wir abwarten, bis die Regelungen, die wir durchgesetzt haben, greifen können und sich etabliert haben.

RND: Was machen Frauen in Führungspositionen anders als Männer?

Brigitte Zypries: Ich mag Geschlechter-Klischees nicht. Es gibt Frauen, die im Beruf unbeherrscht sind, und es gibt viele, die brillant sind. Genauso wie bei Männern eben auch. Das ist in erster Linie eine Charakterfrage. Meine persönliche Erfahrung ist aber: Wenn Frauen in einem Meeting in der Mehrzahl sind, geht es schneller. Ich denke es stimmt auch, dass Frauen in ihrer Mehrheit einen kollegialeren Führungsstil pflegen als Männer.

Zur Türkei:
"Deutsche Unternehmerinnen und Unternehmer sind wegen der Entwicklung in der Türkei verunsichert. Sie sorgen sich vor allem um Rechtssicherheit – manch einer stellt sogar seine Investitionen zurück. Diese Zurückhaltung der Unternehmen kann ich verstehen. Man kann der türkischen Regierung im Interesse der Wirtschaft des Landes nur raten, für Rechtssicherheit zu sorgen."

Quelle: Veröffentlicht in Auszügen am 08.03.2017 über das Redaktionsnetzwerk Deutschland