16.3.2015

Aufholen im digitalen Wettlauf - Arbeitskreis Smart Service Welt übergibt Bericht an Sigmar Gabriel

Hand über der verschieden Symbole und Bilder schweben, symbolisiert das Förderprogramm "Smart Service Welt"; Quelle: Sergey Nivens/Fotolia.com
© Sergey Nivens/Fotolia.com

Die Digitalisierung stellt die technologische Souveränität Deutschlands und Europas in Frage. Große Internetfirmen drängen mit internetbasierten und personalisierten Diensten in immer mehr Industriebranchen vor. Gelingt es ihnen, als Anbieter von Smart Services den Zugang zum Kunden zu monopolisieren, dann könnten etablierte Produzenten und Dienstleister zu Zulieferern degradiert werden. Die heute auf der CeBIT an Sigmar Gabriel übergebenen Umsetzungsempfehlungen des Arbeitskreises Smart Service Welt zeigen, wie Deutschland die gute Ausgangsposition in der Industrie 4.0 nutzen kann, um im digitalen Wettlauf aufzuholen. Weiterführende Informationen: www.acatech.de/smart-service-welt

Weckruf an die Wirtschaft

Viele deutsche Hersteller sind internationale Marktführer bei Produkten. Doch dieser Erfolg darf sie nicht an der notwendigen Digitalisierung ihrer erfolgreichen Geschäftsmodelle hindern. Denn in diese Lücke könnten führende Internetunternehmen und neue Gründungen stoßen und die Schnittstelle zwischen Kunden, Herstellern und Dienstleistern besetzen. Noch hat Deutschland eine gute Ausgangsposition für die Industrie 4.0 und damit verbundene Smart Services Made in Germany. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sagte anlässlich der Übergabe des Arbeitskreis-Berichts am 16. März auf der CeBIT: "Das acatech-Zukunftsprojekt 'Smart Service Welt' hat intelligente Dienstleistungen zum Thema, mit der deutsche Anbieter neue Anwendungsfelder, Effizienz- und Wertschöpfungspotenziale erschließen können. Sie schaffen damit die Basis, wettbewerbsfähig zu bleiben. Das zum IT-Gipfel verkündete BMWi-Technologieprogramm 'Smart Service Welt - Internetbasierte Dienste für die Wirtschaft' wurde auf der Grundlage von acatech-Erkenntnissen hierzu entwickelt und setzt das in der Digitalen Agenda, der Hightech-Strategie und dem Koalitionsvertrag verankerte Thema in Forschung und Entwicklung zeitnah um."
"Wir können weder die Digitalisierung aufhalten noch unsere Geschäftsmodelle davor abschotten. Doch wir haben das Zeug, die Welt der Industrie 4.0 und der damit verbundenen Smart Services zu gestalten", sagte Henning Kagermann, Präsident von acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Co-Vorsitzender des Arbeitskreises Smart Service Welt. "Aus Deutschland kommen Produkte von Weltruf. Im Wissen um die Nutzer und ihre Bedürfnisse sind jedoch andere besser. Nur wer beides zusammenbringt, kann attraktive Smart Services anbieten - das ist ein Wettrennen. Unsere großen und kleineren Marktführer sollten Kooperation wagen, Know-how aufbauen und auf dieser Basis von den Nutzern ausgehend gedachte Smart Services entwickeln."
Der Arbeitskreis Smart Service Welt empfiehlt die Einrichtung einer politikgetriebenen Innovationsplattform, die den gesellschaftlichen Dialog voranbringt, und einer unternehmensgetriebenen Umsetzungsplattform, die Smart Services ganz konkret entwickelt. Eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung sehen die rund 140 Arbeitskreismitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Verbänden und Verwaltungseinrichtungen in der Arbeitsorganisation. Die Fragen zur Zukunft der Arbeit in der Smart Service Welt reichen von der betrieblichen Mitbestimmung in überbetrieblichen Netzwerken bis hin zur Weiterentwicklung der Sozialversicherungssysteme, um einer digitalen Prekarisierung entgegenzuwirken. Für den Aufbau des nötigen Wissens empfiehlt der Arbeitskreis die Einrichtung Nationaler Kompetenzzentren für Smart Services.

Neue Geschäftsmodelle durch innovative Datennutzung

Smart Services sind individuell geschnürte Pakete aus Produkten, Diensten und Dienstleistungen, wie sie beispielsweise von Mobilitäts-Apps angeboten werden. Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Co-Vorsitzender des Arbeitskreises erläutert: "Im Zeitalter der Industrie 4.0 werden individualisierte Smart Services, die aus den Betriebsdaten der Produkte generiert werden, oft wichtiger als das Produkt selbst. Sie lösen damit die heute dominierenden Produkte und Dienstleistungen von der Stange ab. Wer Smart Services anbietet, der bestimmt die Beziehung zu den Kunden. Der Schlüssel für die Smart Service Welt sind Daten, die von den intelligenten Produkten der Industrie 4.0 bereitgestellt und auf neuen digitalen Plattformen gesammelt und verarbeitet werden." 15 Milliarden Produkte weltweit sind schon heute mit dem Internet verbunden, binnen fünf Jahren wird sich diese Zahl verdoppeln. Auch in scheinbar analogen Branchen werden sich Smart Services durchsetzen. So wandeln sich das Transportwesen und die Landwirtschaft in vernetzte Hightech-Branchen. Sogar Industrieanlagen werden bereits dank intelligenter, vernetzter Sensorik "as a Service" geleast und gewartet.

Digitaler europäischer Binnenmarkt, IT-Sicherheit und Datenschutz

Rasches Wachstum in einem homogenen Heimatmarkt ist ein wichtiger Startvorteil für Smart Service Anbieter aus den USA und China. Europa braucht deshalb einen digitalen europäischen Binnenmarkt, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Das Spektrum europaweiter Rahmenbedingungen reicht von einer gemeinsamen Datenschutzverordnung bis hin zum europäisch konzertierten Ausbau digitaler Infrastrukturen. IT-Sicherheit und Datenschutz sind für den Arbeitskreis Smart Service Welt weitere zentrale Voraussetzungen. Smart Services sind für die Nutzer erst vertrauenswürdig, wenn sie sicher sind und dahingehend unabhängig geprüft werden. Gemeinsam mit widerstandsfähigen Infrastrukturen (Resilienz) bilden diese das Sicherheitsparadigma der Zukunft.

Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands steht auf dem Spiel

Damit die deutsche und europäische Wirtschaft ihre technologische Souveränität behaupten, müssen zügig gemeinsame digitale Plattformen getestet und aufgebaut werden. Erst wenn dies gelingt, werden Smart Services die Produktivität in Deutschland steigern und Wertschöpfung und Beschäftigung am Hochlohnstandort schaffen. Der Arbeitskreis Smart Service Welt sieht dafür dank der hochmodernen Unternehmen, qualifizierten Belegschaften und leistungsfähigen Forschungsinfrastrukturen eine gute Basis. Deutschland hat das Potenzial, mit Smart Products der Industrie 4.0, Smart Services Made in Germany und mit gut ausgebildeten Smart Talents eine digitale Führungsrolle zu übernehmen.

Über den Arbeitskreis Smart Service Welt

Nachdem das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 vom gleichnamigen Arbeitskreis der Forschungsunion Wirtschaft - Wissenschaft erfolgreich initiiert wurde, widmet sich das zweite Zukunftsprojekt "Smart Service Welt" den Chancen für die Wirtschaft durch die Integration von Produkten und Services und die zugrundeliegenden datengetriebenen Geschäftsmodelle. Das Vorgehen der beiden Arbeitskreise ist dabei richtungsweisend: Mit dem gemeinsamen Ziel, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, beteiligten sich Vertreter aus vielen Branchen, Disziplinen und Sektoren an der Erarbeitung der Umsetzungsempfehlungen. Der Arbeitskreis Smart Service Welt brachte 140 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Verbänden und Verwaltungseinrichtungen zusammen, die gemeinsam die Vision der Smart Service Welt entwickelten. Nach der Übergabe des Zwischenberichts an die Bundesregierung im Rahmen der CeBIT 2014 vertiefte der Arbeitskreis unter dem Co-Vorsitz von Henning Kagermann, Präsident von acatech, und Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland, anwendungsorientiert seine Empfehlungen. Der Abschlussbericht wurde im Rahmen der CeBIT 2015 an die Bundesregierung übergeben. Diese Umsetzungsempfehlungen konkretisieren und vertiefen den Zwischenbericht des Arbeitskreises Smart Service Welt und dienen als Grundlage für den Aufbau der Smart Service Welt.

weitere Informationen zum Thema

Digitale Welt

Audios und Video

  • Screenshot aus dem Video Bundesminister Gabriel bei dem Eröffnungsrundgang auf der CeBIT 2015 ; Quelle: BMWi Eröffnungsrundgang von Bundesminister Sigmar Gabriel auf der CeBIT 2015 am 16.3.2015 in Hannover
  • Die Zukunft der Wirtschaft - Digitalisierung und Industrie 4.0 Quelle: BMWi Gemeinsame Pressekonferenz von Bundesminister Sigmar Gabriel und Bundesministerin Johanna Wanka auf der CeBIT
  • Screenshot "Die Zukunft der Wirtschaft - Digitalisierung und Industrie 4.0"