Herausforderungen für eine moderne Industriepolitik

Roboter in einer modernen Fabrik symbolisiert Moderne Industriepolitik; Quelle: istockphoto.com/3alexd
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Die Industrie bildet in Deutschland in weit stärkerem Maße als in vergleichbaren Ländern die Basis für Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Mit qualitativ hochwertigen und innovativen Erzeugnissen hat sich die deutsche Industrie über Jahrzehnte einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Sie bildet den Kern der deutschen Exportstärke.

Die Industrie kann nur dann weiterhin ein Garant für Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg sein, wenn sie wettbewerbsfähig ist - und zwar nicht nur in Europa, sondern weltweit. Dafür sind verlässliche Rahmenbedingungen notwendig.

Globale Fragen wie der Klimawandel, die Ressourcenknappheit, die Digitalisierung der Wirtschaft und der demografische Wandel fordern von der deutschen Industrie eine hohe Veränderungs- und Anpassungsbereitschaft, bieten ihr zugleich aber auch große Chancen. Denn viele Folgen oder Begleiterscheinungen dieser Entwicklungen können nur zusammen mit der Industrie bewältigt werden. Diese kann mit ihren spezifischen Kompetenzen und ihrem innovativen Potenzial maßgeblich dazu beitragen, die großen Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich zu meistern.

Einer modernen Industriepolitik muss es darum gehen, angemessene und eine dynamische Entwicklung ermöglichende Rahmenbedingungen zu schaffen und diese laufend zu überprüfen. Für die heimischen Betriebe und ihre Beschäftigten gilt es, faire Wettbewerbsbedingungen auf den internationalen Märkten einzufordern. Darüber hinaus soll eine strategische Innovationspolitik zukunftsweisende Impulse setzen. Die Förderung von Innovationsprozessen soll alle für Deutschland relevanten Leitmärkte und Schlüsseltechnologien in den Blick nehmen. Dazu gehören z. B. der Maschinen- und Anlagenbau, die Produktionstechnik, die Werkstofftechnologie, die Bio- und Nanotechnologie, die Energie- und Umwelttechnik, Mobilität und Logistik, Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik sowie die Informations- und Kommunikationstechnologie. Im Fokus der am 3. September 2014 verabschiedeten neuen Hightech-Strategie der Bundesregierung steht vor allem der Technologietransfer von der Forschung in die Wirtschaft.

Wie die Industrie muss auch die Politik anpassungsfähig und veränderungsbereit sein, damit der Innovations- und Produktionsstandort Deutschland dauerhaft attraktiv und zukunftsfähig bleibt. Großen Herausforderungen muss sich eine moderne Industriepolitik u.a. in folgenden Bereichen stellen:

Rohstoffe und Energie

Energie und Stromeinsatz sind bei energieintensiven Industrien vielfach die bedeutendsten Kostenfaktoren. Da in Deutschland im Vergleich hohe Abgaben und Umlagen im Strompreis enthalten sind, sind Ausnahmen hiervon zum Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie und industrieller Arbeitsplätze notwendig. Die sichere Rohstoff- und Energieversorgung ist für die in Deutschland produzierende Industrie von zentraler Bedeutung. Bundesregierung und Wirtschaft sind sich dabei einig, dass es grundsätzlich Aufgabe der Unternehmen selbst ist, ihren Bedarf an Rohstoffen sicherzustellen. Die Bundesregierung unterstützt diese Bemühungen durch viele in ihrer Rohstoffstrategie verankerte Maßnahmen. Viele Rohstoffe werden allerdings auch zukünftig beschränkt verfügbar, kostbar und begehrt sein. Es ist deshalb wichtig, im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens auf Material- und Ressourceneffizienz zu setzen und damit zugleich neue Wachstumsfelder zu erschließen. Hierzu hat die Bundesregierung ein Ressourceneffizienzprogramm - ProgRess - (PDF: 2,9 MB) beschlossen, dass auf Marktanreize, Information, Beratung, Bildung und Forschung sowie die Stärkung freiwilliger Maßnahmen und Initiativen in Wirtschaft und Gesellschaft setzt.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verknappung fossiler Ressourcen kommt der Bioökonomie auch für die industrielle Produktion große Bedeutung zu. Dabei gilt die Biotechnologie als eine der wichtigsten Impulsgeber für biobasierte Innovationen.

Umwelt- und Klimaschutz

Bei der Bewältigung der ökonomischen Folgen des Klimawandels, der Erhöhung der Ressourcen- und Energieeffizienz und der Nutzung erneuerbarer Energien kommt der Industrie eine herausragende Rolle zu. Umweltschutz ist nicht nur ein Kostenfaktor, sondern bietet auch neue Marktchancen. Die deutsche Industrie, insbesondere der Maschinen- und Anlagenbau, die Mess-, Steuer- und Regeltechnik sowie die Elektrotechnik, belegt beim Export potenzieller Umwelt- und Klimaschutzgüter internationale Spitzenplätze. Sie kann deshalb einerseits von dieser Entwicklung in besonderer Weise profitieren, anderseits durch ihr Know-how aber auch einen wichtigen Beitrag beim Meistern dieser Herausforderungen leisten.

Digitalisierung und Wissensgesellschaft

Die technologische Transformation und der ständig zunehmende Wissens- und Informationsaustausch werden mit unverminderter Geschwindigkeit weitergehen. Auch die Herstellung wissens- und forschungsintensiver Güter und Dienstleistungen wird durch die Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien erheblich beeinflusst. Komplexe Fertigungsprozesse werden zunehmend digital steuerbar.

Neue Entwicklungen in der Satellitenkommunikation werden zukünftig Chancen für neue Märkte eröffnen. Geostationäre Kommunikationssatelliten werden trotz der Konkurrenz von Glasfaserverbindungen und terrestrischen Mobilfunknetzen auch in Zukunft die beherrschende Infrastruktur für die großflächige Verteilung von Informationen bleiben. Sie können die erdgebundenen Technologien darüber hinaus in den Bereichen Multimedia, mobile Kommunikation und mobiles Internet ergänzen.

Industrie 4.0

Vor dem Hintergrund des rasanten Fortschritts der Informations- und Kommunikationstechnologien zeichnen sich, getrieben durch das sogenannte "Internet der Dinge", in der Industrie massive Umbrüche ab, die als vierte industrielle Revolution bezeichnet und deshalb unter den Begriff "Industrie 4.0" gefasst werden. Künftig wird es durch eine sehr flexible Produktion und Logistik möglich sein, die Produkte stark zu individualisieren. Auch werden Kunden und Geschäftspartner zukünftig unmittelbar in die Geschäfts- und Produktionsprozesse einbezogen. Produktion und Produkte werden mit hochwertigen wissensintensiven Dienstleitungen (hybride Produktion, hybride Produkte) verknüpft werden. Das BMWi flankiert diese Entwicklung u. a. mit dem Technologieprogramm "AUTONOMIK für die Industrie 4.0 - Produktion, Produkte, Dienste im multidimensionalen Internet der Zukunft".

In diesem Zusammenhang wird besonders deutlich, dass sich die deutsche Wirtschaft auch in der Plattform-Ökonomie behaupten muss. Um die Kompetenz zur technischen Problemlösung im Zusammenspiel mit dem Kunden zu behalten und nicht zum bloßen Auftragsfertiger degradiert zu werden, müssen entsprechende Plattformen in Deutschland, in Europa, geschaffen werden.

Leichtbau

Die absehbar dynamische Entwicklung beim Leichtbau wird erhebliche Auswirkungen für die gesamte Industrie haben. Um mit der internationalen Entwicklung Schritt zu halten, muss Deutschland seinen industriellen Umbau vorantreiben. Dabei ist die Innovationstechnologie Leichtbau gleichermaßen ein Leitbild und ein Vehikel für einen innovativen und wettbewerbsfähigen Industriestandort. Innovationen beim Leichtbau erfordern eine konsequente Integration der anderen großen Innovationstechnologien "Industrie 4.0" und "Digitalisierung" und tragen zu neuen Wertschöpfungsstrukturen bei.

Das BMWi flankiert diese Entwicklung mit der Erarbeitung eines "Kompetenzatlas Deutschland". Hierzu wurde ein breit angelegter Begleitkreis eingerichtet, um die Struktur dieses Kompetenzatlas eng an den Bedürfnissen der Praxis auszurichten. Zudem wurde eine Studie zu den Beschäftigungseffekten durch Leichtbau am Beispiel des Automobilbereichs auf den Weg gebracht.

Demografischer Wandel und Fachkräftesicherung

Es gibt in Deutschland keinen flächendeckenden Fachkräftemangel. Aberder Prozess des demografischen Wandels ist in Deutschland bereits weiter fortgeschritten als in vielen anderen Industrieländern. Bis 2030 könnte die Bevölkerung im erwerbstätigen Alter um 12 Mio. Personen abnehmen. Die Alterung der deutschen Gesellschaft verändert das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern grundlegend. Lebenslanges Lernen, qualifizierte Zuwanderung, stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen, die Integration von Behinderten und altersgerechte Personalentwicklung werden immer wichtiger, um auch unter diesen veränderten Bedingungen den Fachkräftebedarf decken zu können. Die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist eine zentrale Herausforderung heutiger Politik. Die Zuwanderung von Flüchtlingen, die zum großen Teil nicht über die aktuell benötigten Qualifikationen verfügen, kann die aktuell bestehenden Engpässe nicht füllen. Wenn es gelingt, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, so kann der kritische Punkt, ab dem die Bevölkerungsabnahme auf dem Arbeitsmarkt durchschlägt, hinausgezögert werden.

Die Bundesregierung unterstützt die deutsche Wirtschaft durch Beratungs- und Informationsangebote zur Entwicklung innovativer Konzepte für die Mobilisierung der Fachkräftereserven, Anwerbung von Fachkräften im Ausland und Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Bündnis "Zukunft der Industrie"

Um diesen und weiteren Herausforderungen angemessen zu begegnen, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen seitens der Politik, der Wirtschaft und den Gewerkschaften. Der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel, der Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, und der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo, haben deshalb zusammen mit 12 weiteren Partnern aus Wirtschaft und Gewerkschaften am 03.03.2015 das Bündnis "Zukunft der Industrie" gegründet.

Ziel dieses Bündnisses ist es, im Dreiklang aus Politik, Unternehmensverbänden und Gewerkschaften konkrete Verabredungen und prioritäre Maßnahmen zu treffen, um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu stärken. Um Maßnahmen des Bündnisses - etwa Kampagnen der Öffentlichkeitsarbeit oder auch wissenschaftliche Studien - umzusetzen, wurde Mitte 2015 der Verein "Netzwerk Zukunft der Industrie" gegründet.

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