1.1.2011

Schlaglichter der Wirtschaftspolitik

Monatsbericht Januar 2011

I. Aktuelle Themen und Analysen

2. Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem

Intro

Expertise im Auftrag des Deutsch-Französischen Ministerrates

Bei seiner gemeinsamen Sitzung am 4. Februar 2010 hat der Deutsch-Französische Ministerrat beschlossen, dass Deutschland und Frankreich die Europäische Union auffordern werden, auf europäischer Ebene die Erarbeitung konkreter Vorschläge für umfassendere Möglichkeiten der Wachstumsmessung anzustoßen. Dazu hat der Ministerrat den französischen Conseil d'analyse économique (CAE) und den deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) gebeten, einen gemeinsamen Bericht auf Grundlage der Arbeit der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission (SSFK) zu verfassen. Diese Kommission hatte im Auftrag der französischen Regierung zwölf Empfehlungen für verbesserte Wirtschaftsindikatoren auf Basis bzw. anknüpfend an der bestehenden Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für die Messung der Lebensqualität sowie für die Messung von Umweltqualität und Nachhaltigkeit ausgesprochen. 

Der Vorsitzende des deutschen SVR, Professor Franz, und der Präsident des französischen CAE, Professor de Boissieu, haben die Expertise "Wirtschaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem" am 10. Dezember 2010 dem Deutsch-Französischen Ministerrat übergeben. 

Nachstehend dokumentieren wir wesentliche Ergebnisse der Expertise in Auszügen. Der englische Originaltext sowie eine deutsche und französische Übersetzung können von der Webseite des Sachverständigenrates (http://www.sachverstaendigenratwirtschaft.de/expertisen.html) heruntergeladen werden.

Wesentliche Ergebnisse

1. Das Ziel der Expertise ist es, Informationen für eine breitere Diskussion von Fragen zur Messung der menschlichen Wohlfahrt zu liefern. Sie skizziert ihre Argumente anhand von drei Anwendungsbereichen: materiellem Wohlstand, Lebensqualität und Nachhaltigkeit. [...] 

Da viele der ausgewählten Indikatoren aufgrund ihrer Konstruktion nicht ohne Weiteres für internationale Vergleiche geeignet erscheinen, darf diese Illustration nicht als ernsthafte Abschätzung der relativen Wirtschaftsleistung der beiden Länder missverstanden werden und erst recht nicht als eine Möglichkeit, die Lebensqualität ihrer Bürger direkt miteinander zu kontrastieren. Wie im Einzelnen gezeigt wird, liefern die meisten in das System aufgenommenen Indikatoren Informationen über die Entwicklung innerhalb einer Volkswirtschaft im Zeitablauf. Sie sagen damit aber nichts über Ländervergleiche zu einem gegebenen Zeitpunkt aus. Das vorgestellte Indikatorensystem sollte deshalb als Beleg dafür genommen werden, dass unsere Arbeit einen weiteren Schritt zur Diskussion über ein statistisches Berichtswesen zur menschlichen Wohlfahrt und zum gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt.

Wirtschaftsleistung und materieller Wohlstand

2. Im ersten Anwendungsbereich unterscheiden wir den Nachweis der Wirtschaftsleistung von einer Beurteilung des materiellen Wohlstands. Unser Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass das BIP die Wertschöpfung aller Marktaktivitäten und Input-basierter Maße der öffentlichen Dienstleistungen aggregiert - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Obwohl dieser Ansatz für diesen Zweck gut geeignet ist, hat er doch einige Mängel. Insbesondere untersuchen wir Messprobleme, wie sie bei der Erfassung der wirtschaftlichen Aktivität im Bereich der Dienstleistungen - allen voran bei den öffentlichen Dienstleistungen - entstehen. Ein weiteres Problem, das ausführlich angesprochen wird, ist die derzeitige Konzentration auf die Marktproduktion, was dazu führt, dass wirtschaftliche Aktivitäten außerhalb des Marktes, wie die Haushaltsproduktion, vernachlässigt werden. Wie sehr wir uns dabei auf vorliegende Arbeiten verlassen können, zeigt die Tatsache, dass das Statistische Bundesamt bereits in den Umfragen zur Zeitverwendung in den Jahren 1991/92 und 2001/02 Informationen zur Haushaltsproduktion veröffentlich hat (Statistisches Bundesamt, 2003; Schäfer, 2004). Darüber hinaus machen wir uns Gedanken dazu, ob und wie wirtschaftliche Aktivitäten der Schattenwirtschaft in das regelmäßige Berichtswesen einbezogen werden können. 

Unsere Analyse erkennt zudem an, dass das BIP zwar mit vielen Variablen korreliert ist, die für die Wohlfahrt von Bedeutung sind, aber kein perfektes Maß für sie ist (Costanza et al., 2009). Grundsätzlich gilt, dass Fortschrittsmaße, die auf Marktpreisen beruhen, nur bei Abwesenheit von Externalitäten als verlässliche Schätzungen der Wohlfahrt dienen können. Da das BIP je nach den Präferenzen einer Gesellschaft für Arbeit und Freizeit variieren kann, ist auch zu fragen, wie man diese in einem statistischen Berichtswesen angemessen berücksichtigen kann.

Schließlich sagt das BIP als aggregiertes Maß wenig über Verteilungsaspekte. Wie die EU-Kommission betont, sind der gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhalt das umfassende Ziel der EU. Ziel sei es deshalb, Ungleichheiten zwischen Regionen und sozialen Gruppen abzubauen (Europäische Kommission, 2009). Maße im Zusammenhang mit dem BIP lassen Einkommensungleichheiten jedoch unberücksichtigt. Das Vermögen und seine Verteilung werden überhaupt nicht erfasst. 

3. Dementsprechend untersucht die Expertise im zweiten Kapitel die ersten fünf Empfehlungen des SSFK-Reports. Die erste Empfehlung beinhaltet das Anliegen, den materiellen Wohlstand anhand des Pro-Kopf-Einkommens oder Pro-Kopf-Konsums zu beurteilen und nicht anhand des BIP, das aber wie gezeigt gleichwohl ein aussagekräftiger Indikator für die Wirtschaftsleistung bleibt. Zweitens betont der SSFK-Report bei Fragen des materiellen Wohlstands die Haushaltsperspektive. Die dritte Empfehlung weist auf das Vermögen als bedeutende Facette des Wohlstands hin. Die vierte Empfehlung zielt auf die Betonung der Verteilung von Einkommen, Konsum und Vermögen, die fünfte schließlich auf eine Ausweitung des Blickwinkels hin zu nicht-marktmäßigen Aktivitäten. 

Unsere Ausführungen orientieren sich an der Einsicht, dass es zwar immer einen Rahmen zu einer weiteren Erhöhung des materiellen Lebensstandards gibt, dass es aber für die wohlhabenderen Länder wie Frankreich und Deutschland schon eine Leistung ist, den erreichten hohen Standard wirtschaftlicher Aktivität zu halten. Deshalb bleibt die Beobachtung der Wirtschaftsleistung eine bedeutende Aufgabe, und Verbesserungen bei der Messung des BIP sind deshalb ein wichtiges Ziel der ökonomischen und statistischen Forschung. Gleichwohl erinnert uns der SSFK-Report daran, die Begrenztheit des BIP als Maß für den Wohlstand im Auge zu behalten - ein Thema, das von den Ökonomen seit Jahrzehnten diskutiert wird. Daher untersucht die vorliegende Expertise Erfolg versprechende Wege, um auf dem Weg von der Messung der Wirtschaftsleistung zur Beurteilung des materiellen Wohlstands voranzukommen. 

4. Die meisten Entscheidungsträger sähen es gerne, wenn die Ökonomen ihnen "den" ultimativen Indikator des materiellen Wohlstands zur Verfügung stellen würden. Wir stimmen voll und ganz mit der grundlegenden Schlussfolgerung aus dem SSFK-Report überein, dass dies vollkommen unrealistisch ist. Um auf dem Weg von dieser grundsätzlichen Einsicht zur praktischen Umsetzung realistischer Alternativen zu den bisherigen statistischen Maßen voranzukommen, schlagen wir sechs Indikatoren vor, die eine ausgewogene Balance zwischen der umfassenden Darstellung der Wirtschaftsleistung und des erreichten materiellen Wohlstands auf der einen Seite und der Erfordernis zur Wirtschaftlichkeit auf der anderen Seite anstreben. Dies sind die Indikatoren: 

  • BIP pro Kopf, 
  • BIP je Arbeitsstunde als Maß für die Produktivität der Wirtschaft, 
  • Beschäftigungsquote der Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren, 
  • Nettonationaleinkommen pro Kopf, 
  • private und staatliche Konsumausgaben pro Kopf, 
  • ein international harmonisiertes Verteilungsmaß des Nettoeinkommens je Konsumeinheit (Quotient aus dem obersten und untersten Quintil der Einkommensanteile, S80/S20).


5. Zusätzlich sollten konkrete Schritte vorgesehen werden, die schnell umzusetzen sind - insbesondere die Harmonisierung von Paneldaten zum Haushaltseinkommen -, um eine konsistente Messung von Änderungen in der Einkommensverteilung zu erleichtern. Dies betrifft z. B. das EU-SILC-Panel. Konkret sollte der Stichprobenumfang erhöht und ausgeweitet werden, wenn man umfassendere Erkenntnisse nicht nur zu Unterschieden in der Einkommensverteilung, sondern auch zu anderen Bestimmungsgrößen des materiellen Wohlstands erlangen will. Auch sollten regelmäßige Untersuchungen zu Unterschieden zwischen den Ländern in der Zeitverwendung unternommen werden. Schließlich wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, das weitere statistische Fortschritte bei der Abbildung der Sachleistungen und der Produktion immaterieller Leistungen erforderlich sind - und, ganz allgemein, bei der statistischen Erfassung verschiedener wirtschaftlicher Bereiche. 

Eine Reform des Indikatorensystems zur Wirtschaftsleistung und zum erreichten materiellen Wohlstand ist wichtig. Um aber einen neuen Kompass für die Politik zu entwickeln, besteht der entscheidende Schritt darin, die Kommunikation über Fortschritte in einem System von Indikatoren zu verankern, das zum einen nicht-materielle Aspekte des Wohlstands und zum anderen die Nachhaltigkeit der derzeitigen Verhaltensmuster und des Wohlstandsniveaus besser berücksichtigt. Diese Fragen werden im dritten und vierten Kapitel dieser Expertise angesprochen. 

6. Der Teil des Indikatorensystems, der das Indikatorenbündel zum materiellen Wohlstand abbildet, liefert für Frankreich und Deutschland folgende Beobachtungen (vgl. Tabelle 1, PDF Monatsbericht 01/11, S.10). [...]

Lebensqualität

7. Es gibt eine Vielzahl sozialer Indikatoren, und für sich allein betrachtet haben die meisten davon ihre Berechtigung. In Frankreich und Deutschland veröffentlichen die statistischen Ämter regelmäßig eine beachtliche Zahl von Daten zu Gesundheit, Bildung, Sicherheit und zu anderen nicht-materiellen Aspekten der Wohlfahrt. Zudem bieten verschiedene Forschungsprogramme aus den Sozialwissenschaften eine große Anzahl von Indikatoren über das subjektive Wohlbefinden an. In Deutschland haben Untersuchungen zur Messung der gesellschaftlichen Wohlfahrt durch - objektive wie subjektive - Sozialindikatoren eine lange Tradition, wie sich in den Veröffentlichungen des GESIS-ZUMA und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigt (Statistisches Bundesamt et al., 2008; GESIS-ZUMA, 2007). In Frankreich wird seit den 1970er Jahren regelmäßig der Bericht "Données sociales: La société française" publiziert. Deshalb ist es etwas verwunderlich, dass der SSFK-Report diese Errungenschaften nicht erwähnt. 

Aus diesen Gründen können mögliche Vorbehalte gegen die Nützlichkeit von Sozialindikatoren nicht aus mangelnder Information stammen. Die Schwierigkeit besteht vielmehr eher darin, wie man dieses Übermaß an Information angemessen nutzen und die internationale Vergleichbarkeit von Indikatoren zur Lebensqualität verbessern kann. Diese methodischen Fragen werden ausführlich in Fleurbaey (2009) diskutiert. Dabei zeigen sich zwei wesentliche Probleme: Erstens unterscheiden sich die Präferenzen zwischen den Menschen sogar schon innerhalb eines Landes. Deshalb ist unklar, was Vergleiche zwischen der subjektiven Einschätzung der Wohlfahrt, geschweige denn der "happiness", zwischen einzelnen Menschen wirklich aussagen. Noch problembeladener werden solche Vergleiche, wenn sich die Menschen um das Wohlergehen anderer oder über ihre eigene Stellung in der Gesellschaft sorgen. 

Diese Mahnung betrifft insbesondere die "happiness"- Forschung - trotz der beachtlichen methodischen Fortschritte auf diesem Forschungsgebiet, die in den vergangenen Jahren zu beobachten waren (Frey, 2008; Layard, 2005). Diese Ansätze haben ihre Stärke insbesondere, wenn es darum geht, ob sich die gleichen Personen nun besser fühlen, wenn also das Vorzeichen der Veränderung der Wohlfahrt im Vordergrund steht. Diese Mahnung bezieht sich auch auf synthetische Sozialindikatoren wie den Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen. Zusätzlich stehen die Gewichte verschiedener zusammengefasster Indikatoren zur Diskussion: Wie können einzelne Indikatoren gegeneinander abgewogen werden, wie zum Beispiel die Selbstmordrate gegenüber den Lesefähigkeiten (Fleurbaey, 2009). Aus diesem Grund erscheint es vernünftig, die Komplexität des Lebens so darzustellen, wie sie nun einmal ist, statt der Wirtschaftlichkeit bei der Auswahl der Indikatoren unbedingte Priorität einzuräumen. 

8. Vor dem Hintergrund dieser komplizierten Diskussion legt das dritte Kapitel der Expertise den Grundstein für ein erweitertes Berichtswesen zum Stand der Wohlfahrt, das ein weites Spektrum von Facetten der menschlichen Existenz umfassend berücksichtigt. Bezüglich der Lebensqualität ist neben einer Zusammenfassung der aktuellen Entwicklungen insbesondere zu beachten, dass die Kompliziertheit der Materie eine sehr vorsichtige Beurteilung und Interpretation erfordert. Wegen der spezifischen Eigenheiten der unterschiedlichen Dimensionen der Lebensqualität können sogar die besten Indikatoren immer nur als ungefähre Annäherungen angesehen werden. Deshalb sollten sie mit klarem Verständnis für ihre Aussagemöglichkeiten und ihre Grenzen diskutiert werden, bevor irgendwelche Empfehlungen für politische Maßnahmen formuliert werden. Außerdem empfehlen wir, die Ergebnisse in Form von Radar-Charts darzustellen, wodurch die Entwicklung aller sieben Dimensionen im Zeitablauf ebenso verdeutlicht wird wie die Vielgestaltigkeit des Untersuchungsgegenstandes (vgl. Abb. 1, PDF Monatsbericht 01/11, S.12). In keinem Fall sollte man aber der Versuchung nachgeben, einen umfassenden Indikator für Lebensqualität oder etwas Vergleichbares zu entwickeln, so einfach das rechentechnisch auch sein mag. 

9. Im SSFK-Report werden zum Thema Lebensqualität fünf Empfehlungen ausgesprochen, wobei es zukünftigen Forschungen überlassen bleibt, Prioritäten zu setzen. Erstens sollte bei allen Dimensionen die Messung verbessert werden; insbesondere bei den Dimensionen soziale Verbindungen und Verflechtungen, politische Teilhabe und Kontrolle sowie Unsicherheit. Zweitens sollten Ungleichheiten abgeschätzt und drittens die Beziehungen zwischen den Dimensionen untersucht werden. Viertens sollten verschiedene Arten der Aggregation durch die Bereitstellung entsprechender Informationen ermöglicht werden. Fünftens sollten die subjektiven Maße des Wohlbefindens durch die statistischen Ämter untersucht werden. Diese Empfehlungen sind sehr generell gehalten und unstrittig, und daher auch seitens des CAE und des SVR selbstverständlich. In unserer Expertise haben wir uns entschlossen, darüber hinauszugehen und zu zwei Gebieten weitergehende Vorschläge zu machen, um so eine solide Basis für ihre Umsetzung zu schaffen. 

Unser erster Vorschlag betrifft die Aggregation. Die Entwicklung zusammengesetzter Indikatoren ist mehr als eine technische Aufgabe, da sie immer eine große Anzahl strenger Identifikationsannahmen erfordert. Die detaillierte Diskussion hat schließlich zur Empfehlung eines pragmatischen, aber zumindest unserer Ansicht nach konzeptionell schlüssigen Vorgehens geführt: Während wir darauf bestehen, dass Aggregationen über verschiedene Dimensionen der Lebensqualität hinweg übermäßig strenge Identifikationsannahmen erfordern würden, könnten Aggregationen innerhalb einer Dimension weniger kontrovers sein. Für derartige Aggregationen stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, von denen wir zwei näher betrachten, mit dem Ziel, Informationen zu verdichten. Schließlich legen wir großen Wert auf die Kommunikation der Ergebnisse. 

Der zweite Vorschlag bezieht sich direkt auf die Verbesserung der Indikatoren. Auf den ersten Blick gibt es Indikatoren zur Lebensqualität in Hülle und Fülle. Einige ihrer Elemente - z. B. Sterbetafeln oder Kriminalitätsstatistiken - gehören sogar zu den ältesten regelmäßig erhobenen Statistiken überhaupt. Ein näherer Blick offenbart jedoch die Schwächen, wie die detaillierte Diskussion zeigt. Vor dem Hintergrund der Anstrengungen der Regierungen und der statistischen Ämter gibt es aber große Hoffnungen, dass sich die Lage rasch bessern wird. Zur Verbesserung der derzeitigen Situation muss man die bestehenden Indikatoren innerhalb jeder Dimension näher betrachten und die wesentlichen Unzulänglichkeiten herausarbeiten. Insbesondere sind in diesem Zusammenhang die internationale Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit, sowohl zwischen Frankreich und Deutschland als auch innerhalb Europas, zu nennen. Zudem ist die Häufigkeit unzureichend, mit der die Indikatoren derzeit berechnet werden. 

10. [...] Die von uns vorgeschlagene empirische Umsetzung basiert auf der Definition einer Reihe von Dimensionen, die nicht weiter aggregiert werden sollten, um die Komplexität des Lebens ausreichend abzubilden. In unserer Anwendung haben wir uns vom SSFK-Report leiten lassen und sieben Dimensionen ausgewählt, die sich teilweise auf die Individuen beziehen - wie Gesundheit und Ausbildung -, teilweise auf deren gesellschaftlichen und physischen Hintergrund - wie soziale Beziehungen oder Umweltbedingungen. Bei der empirischen Umsetzung wird dann eine Dimension nach der anderen abgearbeitet, wobei für jede eine Reihe von individuellen Indikatoren identifiziert werden, die deren jeweilige Facetten so umfassend wie möglich abbilden. Schließlich wird daraus für jede der Dimensionen ein Leitindikator ausgewählt, der die Dimension möglichst genau repräsentiert. Soweit machbar wird die Wahl des Hauptindikators mithilfe einer statistischen Methode der Komplexitätsreduktion überprüft. Insbesondere haben wir unsere Umsetzung aber unter der Nebenbedingung durchgeführt, dass die ausgewählten Indikatoren regelmäßig verfügbar sind. Nur so kann das hier vorgeschlagene Berichtswesen in den kommenden Jahren verwirklicht werden. 

11. Die konkrete Umsetzung der Strategie auf die beiden Länder Frankreich und Deutschland hat eine Reihe von interessanten Ergebnissen erbracht, die insofern plausibel erscheinen, als sie ein gemischtes Bild des gesellschaftlichen Fortschritts in den vergangenen Jahrzehnten zeigen. Insbesondere erscheinen die Fortschritte in den Dimensionen Gesundheit, Bildung (mit einigen Einschränkungen) und Umweltbedingungen sehr kongruent mit dem beständigen Wachstum des materiellen Wohlstands. Gleichzeitig sprechen die Entwicklungen in einigen anderen Dimensionen der nicht-materiellen Wohlfahrt, wie persönliche Aktivitäten oder persönliche Sicherheit - auch wenn sie zugegebenermaßen nur schwer zu fassen sind - dafür, dass ein gesellschaftlicher Fortschritt nicht gleichmäßig über alle berücksichtigten Dimensionen hinweg erreicht wurde.

Nachhaltigkeit

12. Das vierte Kapitel der Expertise basiert auf der Einsicht, dass sich der derzeitige Pfad wirtschaftlicher Aktivität als nicht-nachhaltig herausstellen könnte, wenn er weiter verfolgt wird, selbst wenn die heutige Wirtschaftsleistung und der Wohlstand recht zufriedenstellend sind. In diesem Fall wären harte und schmerzhafte Anpassungen erforderlich, und es wären sogar kostspielige gesellschaftliche Krisen möglich, die sehr hohe soziale und ökonomische Kosten verursachen. In einem weiteren Abschnitt widmen wir uns zwei Facetten ökonomischer Nachhaltigkeit, der Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums einerseits und der externen und fiskalischen Nachhaltigkeit andererseits. Ein weiterer Abschnitt betrifft eine dritte Facette, die finanzielle Nachhaltigkeit des privaten Sektors. In diesen Abschnitten konzentriert sich die Diskussion auf die mittel- und langfristige Perspektive. 

Der erste Aspekt der ökonomischen Nachhaltigkeit, der angesprochen wird, bezieht sich auf die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums. Insbesondere sehen wir das Wachstum dann als nachhaltig an, wenn ein ausreichender Teil des laufenden Einkommens der Ökonomie in Investitionen fließt; unabhängig davon, ob in materielle oder immaterielle Verwendung. Um die Bedeutung der Kapitalbildung für das Wirtschaftswachstum zu betonen, nehmen wir den Quotienten aus Nettoanlageinvestitionen des privaten Sektors und dem BIP in unser Indikatorensystem auf (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). Während dieser Quotient im Fall Frankreichs etwa dem Verlauf für den Durchschnitt der EU 27 folgt, liegt er in Deutschland seit 2001 unter dem Wert Frankreichs und der EU 27. Da wir zudem einen zuverlässigen Indikator für die zukünftige Gesamtproduktivität und die zu erwartenden Trends in Wissenschaft, Technologie und Innovation benötigen, nehmen wir als zweiten Indikator der Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums die F&E-Ausgaben in Relation zum BIP in unser Indikatorensystem auf. Hierbei liegen die Werte sowohl für Deutschland als auch für Frankreich durchgängig über dem Durchschnitt der EU 27. 

Der zweite Aspekt, die externe und fiskalische Nachhaltigkeit, ist auf das Engste mit der intertemporalen Budgetbeschränkung, die langfristig immer bindend ist, verknüpft. Wegen dieser langfristigen Perspektive sind die hier behandelten Themen eng mit der intergenerationalen Gerechtigkeit verbunden. Wenn sich am Ende solche nicht-nachhaltigen fiskalischen oder externen Situationen entladen, kann dies tiefgreifende Folgen haben. Als Indikator für fiskalische Nachhaltigkeit haben wir erstens den konjunkturbereinigten Finanzierungssaldo des Staates gewählt, der gemäß der "Goldenen Regel der Finanzpolitik" die staatlichen Nettoinvestitionen nicht übersteigen sollte. Im Zeitraum von 2001 bis 2009 lag das konjunkturbereinigte Budgetdefizit sowohl in Deutschland als auch in Frankreich über den öffentlichen Nettoinvestitionen. Als zweiter Indikator dient die fiskalische Nachhaltigkeitslücke gemäß "S2" im Nachhaltigkeitsbericht der EU-Kommission. Fiskalische Nachhaltigkeit liegt demnach vor, wenn dieser Indikator negativ oder null ist. Für Frankreich weist S2 einen Anpassungsbedarf von 5,6 Prozentpunkten im Jahr 2009 aus, für Deutschland von 4,2 Prozentpunkten (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). Bei einer positiven Nachhaltigkeitslücke sollte der Indikator im Zeitablauf zumindest zurückgehen und schließlich gegen Null konvergieren, um sicherzustellen, dass die Finanzpolitik nachhaltig ist. 

13. Das Kapitel untersucht im dritten Abschnitt, wie das regelmäßige Berichtswesen der statistischen Ämter über die aktuelle Wirtschaftsleistung und den Wohlstand um einen Ausweis der finanziellen Nachhaltigkeit erweitert werden kann. Dazu werden Indikatoren vorgeschlagen, die vor nicht-nachhaltigen Entwicklungen im privaten und im Finanzsektor warnen. Ziel ist es ausschließlich, grundlegende exzessive Fehlentwicklungen zu untersuchen, die möglicherweise zu schweren Wirtschaftskrisen führen. Dieses Ziel ist sehr ehrgeizig; die Diskussion hat gezeigt, dass es nie möglich sein wird, Finanzkrisen mit Sicherheit vorherzusagen. Was wir aber anbieten können, ist eine kleine Zahl von Frühwarnindikatoren, die Politik und Öffentlichkeit im Fall von grundlegenden Fehlentwicklungen im Finanzsektor warnen könnten. Diese Indikatoren sollen für Politik und Öffentlichkeit einfach und leicht handhabbar sein, da diese vielfach nicht über die Zeit oder die speziellen Kenntnisse verfügen, eine Vielzahl von detaillierten Indikatoren zu beobachten oder Stresstests oder umfassende Frühwarnmodelle selbst umzusetzen. 

Trotz dieser Vorbehalte sind die drei von uns vorgeschlagenen Indikatoren unserer Einschätzung nach die sinnvollste Auswahl aus der empirischen Literatur, die sich mit vorlaufenden Indikatoren befasst. Wir schlagen vor, die gesamte private Kreditaufnahme in Relation zum BIP sowie die jeweils mit dem Verbraucherpreisindex deflationierten Immobilienpreise und Aktienkurse zu beobachten. Konkret empfehlen wir, dabei die kumulierten Abweichungen vom Trend (kumulierte Lücken) zu beobachten. Dieser Vorschlag lässt sich leicht umsetzen, da die Daten zur privaten Kreditaufnahme und zu den Aktienkursen von den nationalen Zentralbanken bereitgestellt werden, während die Daten zu Immobilienpreisen von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zusammengestellt werden. Von diesen drei Indikatoren signalisiert derzeit nur einer mögliche Fehlentwicklungen: die Kreditlücke in Frankreich (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). Die Daten enden allerdings im Jahr 2008 und die Kreditlücke geht langsam zurück. Diese begrenzte Menge von Indikatoren ist keinesfalls als Ersatz für eine detaillierte makroökonomische Überwachung oder bestehende Frühwarnsysteme von Experten und nationalen oder internationalen Aufsichtsgremien gedacht. Vielmehr soll es frühzeitig wirtschaftliche Entwicklungen identifizieren, die zu Problemsituationen führen könnten, wenn sie nicht korrigiert werden. Wenn diese Indikatoren ein Warnsignal geben, sollte die Politik Experten und Behörden zurate ziehen und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen ergreifen. 

Für die zukünftigen Arbeiten auf diesem Gebiet, insbesondere auf der supranationalen Ebene, kommt es darauf an, die Qualität der Daten sicherzustellen. Hier steht die Notwendigkeit zur internationalen Harmonisierung und Standardisierung der Erhebungen an erster Stelle, um verlässliche und vergleichbare Informationen zu erhalten. Dies ist umso bedeutender, als die Globalisierung im Allgemeinen und die finanzielle Integration im Besonderen dazu zwingen, auf EU-Ebene tätig zu werden - womit 27 Nationalstaaten betroffen sind. Da Harmonisierung hauptsächlich darin besteht, Standards für Definitionen, Datenerhebung und -qualität zu erarbeiten, dürfte dies ein zugleich kosteneffizienter wie inhaltlich wertvoller Beitrag sein. 

14. Schließlich - und nicht weniger bedeutend - befasst sich das vierte Kapitel detailliert mit dem statistischen Berichtswesen zur ökologischen Nachhaltigkeit. Nach derzeitigem Erkenntnisstand haben steigende Konzentrationen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre bereits eine globale Erwärmung verursacht und werden noch einen weitergehenden Klimawandel bewirken. Der Klimawandel hat das Potenzial, größere gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen auszulösen. Deshalb sollten die Treibhausgasemissionen in unser Indikatorensystem aufgenommen werden. Die Kennziffer mit der größten Bedeutung für den Klimawandel ist das Niveau der Treibhausgasemissionen. Allerdings ist der Klimawandel ein globales Phänomen, und deshalb könnte das nationale Niveau dieser Emissionen, das wir als Indikator für unser System vorschlagen, leicht in die Irre führen, wenn es allein betrachtet wird. Aus diesem Grund sollte es immer um einige zusammenfassende Angaben zu den gesamten Treibhausgasemissionen beziehungsweise, wenn keine umfassenden Daten verfügbar sind, den CO2-Emissionen ergänzt werden. Das Indikatorenbündel weist für Frankreich und Deutschland zwischen den Jahren 2000 und 2008 einen Rückgang des Niveaus der Treibhausgasemissionen aus, während weltweit im gleichen Zeitraum ein beachtlicher Anstieg zu verzeichnen ist (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). 

Offensichtlich benötigt eine angemessene Strategie zur Begrenzung der globalen anthropogenen Treibhausgasemissionen ein verbindliches internationales Klimaschutzabkommen. Kernelemente eines solchen Abkommens sollten ein rechtlich verbindliches Emissionsziel, ein internationales Emissionshandelssystem und ein Allokationsmechanismus sein, der die Emissionsrechte unter den teilnehmenden Ländern aufteilt. Obwohl recht unterschiedliche Allokationsmechanismen denkbar sind, scheint doch das Gleichheitspostulat ein guter Ausgangspunkt für eine faire Verteilung der weltweiten Menge zu sein. Das Recht auf weltweit gleich hohe Emissionen pro Kopf wäre deshalb eine sinnvolle Basis für die Zuteilung der nationalen Rechte. Aber auch unabhängig von ihrer Rolle in einem Allokationsmechanismus für weltweit gehandelte Emissionsrechte wäre es sinnvoll, die Politik und die breite Öffentlichkeit über die nationalen Treibhausgasemissionen pro Kopf zu unterrichten. Deshalb schlagen wir diesen Wert als zweiten Treibhausgasindikator für das Indikatorensystem vor. In Deutschland gingen die Treibhausgasemissionen pro Kopf zwischen den Jahren 2000 und 2008 von 12,5 auf 11,7 Tonnen zurück, in Frankreich um etwa zehn Prozent auf 8,2 Tonnen im Jahr 2008 (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). 

15. Die Nachhaltigkeit (nicht-erneuerbarer) Ressourcen war über Jahrzehnte ein heiß diskutiertes Thema sowohl unter Politikern, unter Wissenschaftlern als auch in der breiteren Öffentlichkeit. Aus Sicht der ökonomischen Theorie spiegelt sich eine zunehmende Knappheit von nicht-erneuerbaren Ressourcen in der Entwicklung ihrer Preise wider und deshalb erscheint ein zusätzlicher Ausweis physikalischer Maße zunächst nicht erforderlich. Die Theorie geht aber über diesen hypothetischen Idealzustand hinaus, indem sie die Möglichkeit einer Über-Nutzung nicht-erneuerbarer natürlicher Ressourcen betont, die als Folge von Externalitäten oder mangelnder intergenerationaler Gerechtigkeit entstehen kann. Deshalb sollte man neben den Preisen auch physische Ströme ausweisen. Dazu können Indikatoren zum Einsatz nicht-erneuerbarer Ressourcen in der Produktion und zum Rohstoffkonsum veröffentlicht werden. Als ersten Indikator schlagen wir daher als Maß der Rohstoffproduktivität den Quotienten aus dem BIP und dem direkten Materialeinsatz (Direct Material Input - DMI) vor, der die in der inländischen Produktion insgesamt eingesetzte Menge an nicht-erneuerbaren Ressourcen umfasst. Als zweiten Indikator wählen wir den inländischen Materialverbrauch (Domestic Material Consumption - DMC), ausgedrückt pro Kopf der Bevölkerung, als Maß des Rohstoffkonsums. Der DMC misst den gesamten inländischen Verbrauch von nicht-erneuerbaren Ressourcen, indem vom DMI die Exporte abgezogen werden. Zukünftig sollte der DMC erweitert werden, um den Rohstoffgehalt der Importe und Exporte adäquat zu messen. 

Für Frankreich und Deutschland ergeben sich bei diesen Maßen gemischte Ergebnisse (vgl. Abb. 2, PDF Monatsbericht 01/11, S.14). Die Rohstoffproduktivität erhöhte sich in beiden Ländern zwischen den Jahren 2000 und 2007 beständig. Der Materialverbrauch pro Kopf ging in Deutschland zurück, während er in Frankreich nahezu konstant blieb. Betrachtet man zusätzlich die Rohstoffe, die in Importen und Exporten enthalten sind, verringerte sich der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland noch stärker. 

16. Schließlich ist im weiten Sinne auch die Biodiversität eine Art von Kapital, das zur Produktion von Ökosystemdienstleistungen benötigt wird, um die Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen. Ihre Bewahrung ist wohl für viele wünschenswerte Facetten der derzeitigen und zukünftigen menschlichen Existenz von Bedeutung, wie die Sicherstellung der Nahrung, den medizinischen Fortschritt oder für industrielle Rohstoffe. Die Erhaltung der Biodiversität ist allerdings nicht nur eine globale Aufgabe, sondern betrifft auch die Stabilität lokaler Ökosysteme. Dementsprechend sollte ein Indikator der Biodiversität in unser Indikatorsystem aufgenommen werden. Unglücklicherweise wurden alle vorliegenden Indikatoren dazu außerhalb des Bereichs der Wirtschaftswissenschaften entwickelt. Deshalb ist es schwierig zu beurteilen, ob sie mögliche Zielkonflikte in der Wohlfahrt sowohl innerhalb einer Generation als auch zwischen den Generationen vollständig und angemessen berücksichtigen. Da wir derzeit keinen Indikator benennen können, der explizit die ökonomische Dimension der Biodiversität umfassend abbildet, haben wir uns entschlossen, den Vogelindex als vorläufigen fünften Indikator zur ökologischen Nachhaltigkeit aufzunehmen. Dieser Indikator ging sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zwischen den Jahren 2000 und 2007 zurück, was auf eine Verringerung der Artenvielfalt hindeutet. 

Kontakt: Arndt Kindermann

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