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Gastbeitrag des Staatssekretärs Rainer Baake zur Energiewende in der Wochenzeitung DIE ZEIT

Some like it hot. Wenn wir die Erderwärmung aufhalten wollen, müssen wir das billige Öl und Gas im Boden lassen.

Datum: 17.3.2016

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 haben 195 Staaten ein bahnbrechendes Klimaabkommen beschlossen. Sie haben sich auf das Ziel verständigt, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen.

Die Klimaforscher hatten aufgezeigt, dass der Weltgemeinschaft noch ein Budget von weniger als 1.000 Gigatonnen CO2 zur Verfügung steht. Werden bei der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas in den kommenden Jahrzehnten mehr als 1.000 Gigatonnen CO2 freigesetzt, steht uns ein äußerst gefährlicher und nicht mehr umkehrbarer Klimawandel bevor. Würden wir so weiter machen wie bisher, wäre dieser Punkt in spätestens 30 Jahren erreicht. Das in Paris verabredete internationale Abkommen soll möglichst schnell dafür sorgen, dass die jährlichen globalen Emissionen sinken, das Budget damit gestreckt und der Ausstoß von Treibhausgasen in wenigen Jahrzehnten auf netto Null reduziert wird.

Die Dimension dieser Herausforderung wird einem klar, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Mengen an Öl, Kohle und Gas sich noch in der Erde befinden. Würden wir die bekannten und vermuteten Vorkommen ausbeuten und zur Energiegewinnung einsetzen, lägen die globalen Emissionen in einer Größenordnung von 15.000 Gigatonnen CO2. Die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen bedeutet also: Von 15.000 Gigatonnen CO2 in Form von Öl, Kohle und Gas müssen wir mindestens 14.000 im Boden lassen!

Unser Problem ist wahrlich nicht die Knappheit der fossilen Ressourcen - sondern das genaue Gegenteil. Uns fehlt bislang eine Ausstiegsstrategie für Öl, Kohle und Gas. Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind zwar unverzichtbare Teile einer Antwort auf den Klimawandel, aber sie beantworten noch nicht die Frage, warum Private auf die Förderung, Vermarktung und Nutzung fossiler Brennstoffe verzichten sollten. Der Vormarsch von Energieeffizienz und Erneuerbaren kann das Problem sogar noch verschärfen. Ein Überangebot an fossilen Ressourcen drückt den Preis und macht ihren Einsatz um so verlockender. Und diese Verlockung ist groß. Die fossile Energiewirtschaft verspricht Renditen, Jobs und niedrige Energiepreise.

Das Abkommen von Paris ist ein Versprechen an die Generationen unserer Kinder und Enkel: "Wir werden Euch keinem gefährlichen Klimawandel aussetzen." Wenn wir dieses Versprechen halten wollen, führt an einer "Dekarbonisierung" kein Weg vorbei. Unsere Produktion und unser Konsum müssen CO2-neutral werden. Es gibt einen internationalen Konsens, dass die Industriestaaten dabei vorangehen.

Deutschland braucht seine Klima- und Energiewendeziele in Folge der Beschlüsse von Paris nicht zu verändern. Es gibt einen Konsens unter den im Bundestag vertretenen Parteien, dass wir unsere Treibhausgase bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 reduzieren wollen. Als Zwischenziele haben Bundesregierung und Bundestag beschlossen: Minderung der Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent, bis 2030 um 55 Prozent und bis 2040 um 70 Prozent.

Wir sollten diese Herausforderung als Chance für eine umfassende Modernisierung unserer Volkswirtschaft nutzen. Die fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas werden ersetzt durch Investitionen in Effizienztechnologien und erneuerbare Energien. Der Digitalisierung wird dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Auf den Punkt gebracht kann man auch sagen: bis spätestens 2050 ersetzen wir Öl, Kohle und Gas durch Intelligenz und Investitionen. Damit schaffen wir qualitatives Wachstum und Beschäftigung.

Damit aus dieser Transformation in den nächsten Jahrzehnten nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine ökonomische Erfolgsgeschichte wird, brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Dabei geht es vor allem darum, Fehlinvestitionen zu vermeiden. Wir wollen den Umstieg bis 2050 schaffen, haben also noch dreieinhalb Jahrzehnte Zeit. Investitionen in fossile Strukturen mit einer Nutzungsdauer über 2050 hinaus führen zu "stranded assets" der beteiligten Unternehmen und werden uns in Zukunft zu teuren Reparaturmaßnahmen zwingen. Eine vorausschauende Modernisierungspolitik, die Lock-in-Effekte, spätere Kapitalvernichtung und Arbeitsplatzverluste vermeiden will, muss jetzt die Weichen richtig stellen. Effizienz und erneuerbare Energien sollten wir daher zum neuen Investitionsstandard erklären. Investitionen in fossile Strukturen müssen zur Ausnahme werden. Wir sollten sie nur noch in den Fällen tätigen, wo uns bislang technologische Alternativen fehlen oder diese unverhältnismäßig teuer sind. Die Umkehr des Regel-Ausnahmeverhältnisses, das ist der Paradigmenwechsel.

Was bedeutet der neue Investitionsstandard Effizienz und erneuerbare Energien für die jeweiligen Sektoren? Beginnen wir mit der Stromerzeugung, die derzeit noch mit großem Abstand den höchsten Anteil an der Freisetzung von Treibhausgasen hat. Der Stromerzeugung kommt eine Schlüsselstellung zu, weil die Dekarbonisierung der anderen Sektoren nur mit einem verstärkten Einsatz von Strom möglich sein wird. Wir werden in Zukunft voraussichtlich sowohl mit Strom Auto fahren als auch den geringen Restwärmebedarf von hocheffizienten Gebäuden decken. Das ist zuvorderst eine gute Nachricht für diejenigen, die Strom produzieren - der Strommarkt wächst, trotz Effizienzmaßnahmen. Er wächst sowohl mengenmäßig als auch qualitativ durch die digitale Revolution, die intelligente Anwendungen und Vernetzungen in Häuser und Fabriken einziehen lässt.

All dies macht nur Sinn mit Strom aus CO2-freien erneuerbaren Quellen, allen voran Windkraft und Photovoltaik. In diese Technologien muss weiter investiert werden. Kraftwerksneubauten mit fossilen Brennstoffen haben eine Nutzungsdauer von 40 Jahren und mehr. Ein Umsteuern ist daher besonders dringlich, wenn wir Fehlinvestitionen, die weit über das Jahr 2050 hinausreichen und Lock-In-Effekte vermeiden wollen. Auf neue Kohlekraftwerke und Tagebauerweiterungen sollten wir daher verzichten. Gaskraftwerke mit vergleichsweise geringen CO2-Emissionen fallen unter die Ausnahmeregelung, weil wir sie als steuerbare Kraftwerke für die Versorgungssicherheit benötigen; allerdings wird der Brennstoff Erdgas in den nächsten Jahrzehnten durch CO2-freies, regenerativ erzeugtes Gas zu ersetzen sein.

Von allen Treibhausgas relevanten Investitionen haben Gebäude mit ca. 100 Jahren die längste Nutzungsdauer. Wir sollten daher für alle Neubauten einen Effizienzstandard definieren, der zusammen mit der direkten Nutzung erneuerbarer Energien und Strom zu Null CO2-Emissionen führt. Wir verfügen bereits heute über die erforderlichen Technologien und sie sind bezahlbar, so dass dieser neue Standard mit einer Vorlaufzeit von wenigen Jahren eingeführt werden kann. Die Herausforderungen im Gebäudebestand sind ungleich größer. Dieser ist wesentlich durch gas- und ölbefeuerte Verbrennungssysteme gekennzeichnet, die überwiegend nur mäßig gedämmte Gebäude heizen. Kurzfristig kann die Umrüstung auf effiziente Brennwertkessel in erheblichem Umfang CO2-Emissionen einsparen. Allerdings brauchen wir auch für den Gebäudebestand einen Fahrplan, der aufzeigt, ab wann wir auf Investitionen in Öl- und Gasheizungen vollständig verzichten. Heizungen haben eine Nutzungsdauer von 20 Jahren; ab spätestens 2030 sollten daher Investitionen in Heizungen mit fossilen Brennstoffen nicht mehr stattfinden, damit wir den Umstieg bis 2050 schaffen. Kosteneffizient gelingt dies in Kombination mit einer angemessenen Dämmung der Gebäudehüllen.

Die vielleicht größte Herausforderung liegt im Verkehrssektor. Der Schienenverkehr ist zwar weitestgehend schon elektrifiziert, der Personen- und Güterverkehr auf der Straße, in der Luft und auf dem Wasser ist allerdings zu nahezu 100 Prozent von fossilen Brennstoffen abhängig. Die Elektromobilität bietet die Chance im Bereich des Individualverkehrs die Energiewende zu schaffen. Fahrzeuge haben eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 20 Jahren. Wenn wir 2050 nicht immer noch mit Benzin und Diesel unterwegs sein wollen, muss die Umstellung der Antriebe von fossil auf erneuerbare bis 2030 erfolgt sein. Die Emissionen neu verkaufter Fahrzeuge müssen dann bei Null liegen. Wir brauchen eine Roadmap, mit der Staat und Automobilindustrie eine ehrgeizige Investitions-Strategie für den Verkehrssektor erarbeiten.

Der hier präsentierte Vorschlag eines Paradigmenwechsels bei der Energiewende lässt sich nicht auf alle Bereiche anwenden. Die prozessbedingten Emissionen der Industrie oder die Methanemissionen der Landwirtschaft lassen sich nicht durch Effizienz und Umstellung auf erneuerbare Energien vermeiden. Diese Emissionen bleiben, wenn es uns nicht gelingen sollte, technologische Alternativen zu entwickeln oder andere Lösungen zu finden. Der weitaus größte Teil unserer Treibhausgasemissionen entsteht jedoch bei der Verbrennung von Öl, Kohle und Erdgas.

Eine kosteneffiziente Energiewende sollte sich daher mit Blick auf das Ziel einer weitgehenden Dekarbonisierung bis zur Mitte des Jahrhunderts an Investitionszyklen orientieren. Investitionen in Effizienz und erneuerbare Energien müssen zum Standard werden, Investitionen in fossile Strukturen zur vorübergehenden Ausnahme mit klar definierten Zeitzielen für eine Umstellung. Mit dieser vorausschauenden Modernisierungspolitik vermeiden wir Fehlinvestitionen und Lock-In-Effekte. So kann Deutschland einen nachhaltigen Wachstums- und Investitionspfad einschlagen - ein "Weiter so" bei fossilen Investitionen birgt dagegen für die Volkswirtschaft unkalkulierbare Risiken.

In der Folge von Paris entsteht jetzt auch ein Wettbewerb der Staaten um die klügste und kosteneffizienteste Modernisierungspolitik. Deutschland hat mit der Energiewende einen Vorsprung. Wir werden hart daran arbeiten müssen, diesen Vorsprung zu halten.

Dieser Namensartikel von Rainer Baake erschien am 17.03.2016 in DIE ZEIT.

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