Rede

Rede von Iris Gleicke anlässlich der Eröffnung der 50. Internationalen Tourismusbörse ITB 2016

Datum: 8.3.2016
Ort:

Berlin


Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren!

Zu allererst möchte ich dem Geburtstagskind gratulieren: Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, liebe ITB!

Du hast aus deinem bisherigen Leben etwas Tolles und Besonderes gemacht. Du bist ein richtiges Berliner Kind und hast Dich genauso prächtig entwickelt wie Deine Heimatstadt.

Und dazu kann und muss ich natürlich auch dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, sehr herzlich gratulieren. Und ebenso herzlich gratuliere ich dem ganzen Team der ITB. Michael Müller, Sie haben völlig Recht: Die ITB hat vor 50 Jahren wirklich klein angefangen.

Aber unsere Jubilarin ist den Kinderschuhen rasch entwachsen. Die Westberliner Göre hat sich prächtig entwickelt und ist zu einem Aushängeschild der wiedervereinten Hauptstadt und unseres ganzen Landes geworden!

Irgendwann hat die ITB alle in den Schatten gestellt. Heute ist sie ein internationaler Superstar: Die ITB ist die weltgrößte Tourismusmesse.

Sie ist die Leitmesse der internationalen Tourismuswirtschaft. Und sie bricht Jahr für Jahr Besucher- und Umsatzrekorde. Das kann sich schon hören und sehen lassen. Und damit spiegelt die ITB auch die Entwicklung des Tourismus in den letzten 50 Jahren wider:

Meine Damen und Herren,

der wirtschaftliche Aufschwung in vielen Ländern und steigende Einkommen haben in den zurückliegenden Jahrzehnten zu einer wachsenden touristischen Nachfrage geführt. Großzügigere Urlaubsregelungen, preiswertere Flugreisen und maßgeschneiderte Reiseangebote wie die Pauschalreise trugen zu dem Tourismusboom bei, wie wir ihn heute kennen. Auch im vergangenen Jahr hat sich der Tourismus allen scheinbaren und realen Widrigkeiten zum Trotz wieder hervorragend entwickelt und behauptet.

In Deutschland konnten wir 2015 den sechsten Übernachtungsrekord in Folge verzeichnen. In den meisten europäischen Staaten sieht es ähnlich aus. Und auch weltweit werden Rekordzahlen geschrieben: 2015 waren fast 1,2 Milliarden Touristen international und über Landesgrenzen hinweg auf Reisen.

Das ist wirklich eine tolle Bilanz. Aber brillante wirtschaftliche Kennzahlen sind nicht alles. 50 Jahre ITB - das ist vielleicht auch der richtige Moment, um einmal innezuhalten und sich zu fragen: Was für einen Tourismus, was für eine Art von Tourismus wollen wir?

Meine Damen und Herren,

unter der Überschrift "Gut Leben in Deutschland" ist die deutsche Bundesregierung mit ihren Bürgern in einen gezielten Dialog getreten. Wir wollen von ihnen wissen, was ihnen persönlich wichtig ist im Leben. Wir wollen von ihnen wissen, worin die Lebensqualität in Deutschland eigentlich besteht. Das sind Fragen, die sich aus unserer Sicht mit nackten wirtschaftlichen Kennzahlen wie etwa dem Bruttoinlandsprodukt nur unzureichend beleuchten und beantworten lassen.

Und das gilt auch für die Frage, wie gutes Reisen aussieht. Denn der Inbegriff von einem schönen Urlaub ist für jeden Menschen unterschiedlich: Manche wandern gerne, andere schauen sich alle erreichbaren Kirchen und Museen an und wieder andere liegen am liebsten am Strand und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. 

Aber es gibt auch Aspekte des guten Reisens, die aus meiner Sicht für alle gelten. Gutes Reisen, das heißt gerade in der heutigen Zeit zunächst einmal sicheres Reisen. Gutes Reisen heißt für mich auch, dass Reisen nicht das Privileg Einzelner sein darf, sondern allen Menschen offen stehen muss. 

Bundesminister Gabriel hat in seiner Rede zur Eröffnung der ITB vor zwei Jahren diese Bedeutung des Reisens als Aspekt sozialer Teilhabe unterstrichen. Und auch deshalb gehören für mich die Themen Inklusion und Barrierefreiheit zwingend mit dazu.

Aber es geht nicht nur um Sicherheit und um gerechte Teilhabe. Es geht auch um verantwortungsvolles Reisen. Es geht um einen Tourismus, der nicht auf Kosten anderer geht und bei dem man als Reisender nicht die Augen verschließen oder nach einem Becken suchen muss, in dem man seine Hände in Unschuld waschen kann.

Bei verantwortungsvollem Reisen geht es um Verantwortung für die Natur, es geht um Fragen wie Naturschutz, Klimaschutz und Biodiversität. Es geht darum, Rücksicht zu nehmen auf die begrenzten natürlichen Ressourcen des Reiselandes, etwa beim Energie- und Wasserverbrauch. Es geht aber auch um die Übernahme von Verantwortung für die Menschen in der Reiseregion.

Unter welchen Bedingungen leben und arbeiten sie? Profitiert die Bevölkerung von den Touristen? Oder wandert das meiste in den Taschen von einigen Wenigen?

Meine Damen und Herren,

eigentlich ist es doch ganz einfach. Wirklich Gutes Reisen, das funktioniert nur mit der Einhaltung von Menschenrechten, mit fairen und sicheren Arbeitsbedingungen und mit einer sozialverträglichen wirtschaftlichen Entwicklung vor Ort. Das sind Themen, die sowohl die Reisebranche als auch die Reisenden etwas angehen. Und ich bin sehr froh darüber, dass diese Fragen schon lange kein Nischendasein mehr fristen.

Für viele Unternehmen und für viele Verbraucher haben sie einen hohen, einen wachsenden Stellenwert. Ein echter Meilenstein für den Tourismus war der globale Ethik-Kodex der Welttourismusorganisation UNWTO aus dem Jahr 1999.

Er hat wesentlich dazu beigetragen, die Ziele eines verantwortungsvollen und nachhaltigen Tourismus im Bewusstsein der Regierungen, der Branche und der Reisenden weltweit zu verankern. Sehr geehrter Herr Generalsekretär, lieber Taleb Rifai, vielen Dank an dieser Stelle für Ihr besonderes Engagement! Sie und die UNWTO sind und bleiben für uns wichtige Gesprächspartner, um den verantwortungsvollen und nachhaltigen Tourismus weiter zu verankern. 

Meine Damen und Herren,

heute gibt es immer mehr Unternehmen der Reisebranche, denen Nachhaltigkeit wichtig ist. Ich spreche von Unternehmen, die ihre Corporate Social Responsibility, ihre gesellschaftliche Verantwortung anerkennen und die ihr Geschäft danach ausrichten.

Denn eine Branche, die weltweit aktiv ist, steht auch weltweit in der Verantwortung. Ich bin sehr froh darüber, dass sich die deutsche Tourismuswirtschaft dieser Verantwortung bewusst ist.

Und ich begrüße ausdrücklich ihr dieser Tage erneut bekräftigtes Bekenntnis zu ethischen Grundsätzen im Tourismus. Ein Bekenntnis, das mit Leben erfüllt und in die Praxis umgesetzt werden muss. Das ist natürlich nichts, was man mal eben aufschreibt und damit als erledigt und abgehakt betrachten könnte. Das bleibt eine langfristige Aufgabe, der man sich immer wieder und aufs neue stellen muss. Ich sehe hier aber auch den Verbraucher, den Reisenden, in der Verantwortung. Reisen und insbesondere Reisen in ferne Länder sind in den vergangenen 50 Jahren immer erschwinglicher geworden.

Das ist schön, besonders für den kleineren Geldbeutel. Aber eine "Geiz-ist-geil"-Mentalität ist da und nicht nur da völlig fehl am Platz. Den Reisenden kann und sollte es durchaus interessieren, unter welchen Bedingungen die Hotelangestellten in seinem Reiseland arbeiten und leben oder wie seine Abfälle entsorgt werden. Auch die politischen Verhältnisse im Gastland gehören bisweilen dazu und sollten nicht einfach ignoriert werden. Reisen öffnet den Blick für Neues und Fremdes.

Reisende sollten daher auch ruhig den Mut aufbringen, auch einmal hinter die schöne Hochglanzfassade zu blicken. Man sollte auch im Urlaub die gleichen ethischen Standards hochhalten wie zu Hause und nicht - im wahrsten Sinne des Wortes - den Kopf in den Sand stecken. Ein gutes Gewissen ist nun mal ein sanftes Ruhekissen. Dieser schöne Satz gilt auch am Strand oder am Swimmingpool.

Meine Damen und Herren,

ich halte es aber für völlig verfehlt, Fernreisen oder Reisen in Entwicklungsländer vom hohen Ross herab pauschal zu verteufeln. Wir wissen, dass viele Regionen den Tourismus brauchen. Sie brauchen ihn als Entwicklungsmotor und -perspektive.

Tourismus kann in großem Maße dazu beitragen, Armut zu bekämpfen, Arbeitsplätze und Einkommen zu schaffen und, ja, auch den Umweltschutz vor Ort voranzutreiben. Es kommt eben auch darauf an, wie wir reisen. Gutes Reisen ist ein Tourismus, den wir vor uns selbst und anderen verantworten können. Gutes, verantwortungsvolles Reisen - das war und ist auch auf der ITB stets ein Thema. Auch hieran lässt sich ablesen, dass das "Wie" des Reisens in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist: Es gibt auf der ITB eine eigene Halle, die sich dem Segment des verantwortlichen und nachhaltigen Tourismus widmet. Und es gibt zahlreiche Veranstaltungen zu diesem Thema.

Seit 2009 findet im Rahmen des ITB-Kongresses ein eigener "CSR-Day" statt. Die ITB hat sich auch in dieser Hinsicht hervorragend entwickelt. Mit 50 wird man eben nicht älter, sondern besser. Und vielleicht sogar ein bisschen weise.

Meine Damen und Herren,

freuen Sie sich mich mit mir auf spannende, unterhaltsame und lehrreiche Tage auf der 50. ITB!

Herzlichen Dank

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